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Angermund
Angekommen im Bäckerhandwerk

Angermund. Ehrenamtlich engagieren sich derzeit rund 230 Einwohner Angermunds in der Flüchtlingshilfe. Patenschaften ermöglichen dabei ein direktes Hilfsangebot für geflohene Menschen. Von Sven-André Dreyer

Hasib Habibullahs Arbeitstag beginnt gegen 4 Uhr. Dann muss der Sechzehnjährige die Backöfen der Bäckerei Kamps an der Angermunder Straße vorheizen, die unterschiedlichen Brötchen-Teiglinge vorbereiten und erste Baguettes auf den Backblechen auslegen.

Für das Backen begeistert sich Hasib schon, seit er fünf Jahre alt ist. Damals bereitete er in seiner Heimat Afghanistan mit seiner Mutter Brotspezialitäten zu, viele Abläufe in der Backstube sind ihm daher bekannt. Und auch später half er nach einem Umzug in der Hauptstadt Kabul oft in der Bäckerei seines Vaters aus. Im vergangenen Jahr jedoch verkaufte der sein Geschäft. "Mit dem Verkaufserlös hat er mir die Flucht nach Deutschland ermöglicht", erklärt Hasib, der zu Beginn dieses Jahres nach einer rund einmonatigen Reise in Deutschland ankam. Bei seiner Flucht war er erst 15 Jahre alt und reise alleine. Seinen Vater und die Geschwister musste er in der Heimat zurücklassen. "Ich hoffe sehr, dass meine Familie bald nachkommen kann", sagt Hasib. "Die tägliche Bedrohung durch den Krieg ist für alle furchtbar."

Neben zwei weiteren Auszubildenden arbeitet Hasib nun seit Juli im insgesamt zehnköpfigen Team der Bäckerei Kamps. Über die Mutter einer Angestellten, die bei der Graf-Recke-Stiftung tätig ist und dem Geflohenen im Zooviertel ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft stellt, wurde Hasib auf die Filiale in Angermund aufmerksam. "Hasib fragte, ob er bei mir ein Praktikum machen könne", sagt Filialleiter Vahidin Murathodzic, der ohne zu zögern zustimmte. "Ich selbst musste aufgrund des Jugoslawienkrieges 1992 mein Heimatland verlassen. Ich weiß, was es heißt, ganz alleine und von vorne anfangen zu müssen."

Seit September absolviert Hasib mittlerweile ein Qualifizierungsjahr, besucht im Rahmen dieser Maßnahme zweimal pro Woche auch die Berufsschule. "Wenn die schulischen Leistungen stimmen, kann er nach diesem Jahr die Ausbildung in meinem Betrieb beginnen", sagt der Filialleiter. Das Qualifizierungsjahr könnte dem Auszubildenden dann angerechnet werden.

Derzeit leben rund 250 geflohene Menschen aus insgesamt 20 Nationen im Wohndorf in Angermund, darunter sind viele Familien. "Die Menschen haben sich sehr angenehm in das Ortsbild eingefunden", sagt Andrea Lindenlaub, die sich mit derzeit rund 230 weiteren Bürgern ehrenamtlich in der vor einem Jahr gegründeten Flüchtlingshilfe Angermund engagiert. Während die evangelische Kirchengemeinde Lintorf-Angermund sowie die katholische Kirchengemeinde Angermund St. Agnes die Koordination der Flüchtlingshilfe übernommen haben, beteiligen sich an der Unterstützung der Flüchtlinge neben zahlreichen Institutionen wie der Interessengemeinschaft der Angermunder Handwerker, Kaufleute und Dienstleister auch viele Vereine des Stadtteils. Hasib blickt derweil optimistisch in die Zukunft. Nach dem erfolgreichen Abschluss seiner Ausbildung kann er sich gut vorstellen, einmal selbst eine Bäckerei zu eröffnen.

Quelle: RP
 
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