| 00.00 Uhr

Analyse
Großprojekte legen die Paulsmühle lahm

Benrath. Die Arbeiten am Dürer-Kolleg laufen auf Hochtouren, Mit dem Abriss auf der BEA-Brache soll Anfang 2017 begonnen werden. Der Verkehr nimmt stetig zu. Von Andrea Röhrig

Mit solch einem Andrang im Benrather Bürgerhaus hatten Jasmin Kollatsch und Stefan Frey nicht gerechnet. Viele Anwohner aus der Paulsmühle hatten am Donnerstag die Einladung zum Info-Abend über das neue Wohnquartier "Mühlenviertel", das auf der BEA-Brache entstehen soll, angenommen. Kollatsch und Frey gehören zur Gesellschaft "Artemis Development", die im Mai dieses Jahres das Gelände von einer luxemburgischen Fondsgesellschaft gekauft hat.

Mit dem Erwerb sind sie in den städtebaulichen Vertrag zwischen dem Voreigentümer mit der Stadt Düsseldorf eingestiegen - mit allen Rechten, aber vor allem jeder Menge Pflichten. In dem Vertrag hatte die Verwaltung mit dem Vorbesitzer bereits so gut wie alles festgelegt: Auch die mögliche Zahl der Tiefgaragenplätze - rund 300 für die zirka 400 Wohnungen.

Viel zu wenig, kritisieren die Anwohner, die befürchten, dass dann in der Paulsmühle endgültig der Kampf um die Parkplätze beginnt. Schon jetzt sei zu beobachten, dass Bahn-Pendler ihren Wagen im Viertel abstellten, hieß es auf der Veranstaltung.

Festgelegt ist auch die Gestaltung des zentralen Platzes sowie die Anzahl von geförderten (54) und preisgedämpften (45) Wohnungen. Vieles ist in dem städtebaulichen Wettbewerb durch den Siegerentwurf festgelegt worden. Seitdem sind vier Jahre ins Land gegangen, in denen sich für die Anwohner augenscheinlich nichts getan hat.

Auf jeden Fall nichts Positives: Kinder, Jugendliche und Obdachlose nutzen die Brache zum Herumstromern oder Zündeln. Immer wieder mussten Feuerwehr und Polizei anrücken. Selbst der Hinweis der neuen Besitzer, dass inzwischen Tag und Nacht ein Sicherheitsdienst kontrolliere und man umgehend beschädigte Zäune und Türen repariere - auch wenn man da kaum nachkäme - stellte nicht alle Paulsmühler zufrieden.

Wobei bei vielen zwei Herzen in einer Brust schlagen: Zum einen können für sie die Rückbauarbeiten nicht schnell genug losgehen; zum anderen hat man dann bis 2020/2021 eine Großbaustelle vor der Haustür. Erschwerend kommt nun hinzu, dass der Bauherr am Mittwoch in einem Brief vom Stadtentwässerungsamt über die vor zwei Wochen begonnene Kanalbaumaßnahme in der Paulsmühle erstmals in Kenntnis gesetzt wurde. Innerhalb der nächsten zwei Jahre soll sich die bis zur Hildener Straße erstrecken. Im Zuge dieser Maßnahme soll auch der Kanal auf der Telleringstraße auf seine Dichtigkeit geprüft werden. "Diese Information ist für uns völlig neu", sagte Corinna Kalscheuer, die das Projekt für die Artemis steuert, beim Info-Abend. Dabei steht der neue Eigentümer seit Mai im engen Kontakt mit der Baubehörden - über das Entsorgungskonzept, die Wegeführung und, und, und. Doch eine Kommunikation über geplante Großprojekte scheint es innerhalb der Stadtverwaltung nicht zu geben. Und das in einer von sich überzeugten Landeshauptstadt Düsseldorf.

Das Szenario, wie das gehen soll, wenn der Kanal repariert oder neu erneuert werden muss bei einer gleichzeitig laufenden Hochbaumaßnahme von vier Wohnblöcken mit insgesamt 400 Wohnungen, will sich Kalscheuer noch gar nicht ausmalen. So sollen nämlich über die Telleringstraße die Entsorgungsfahrten führen. Eine bebaute Fläche von 30.000 Quadratmeter muss frei geräumt werden. Für den Bau des Dürer-Kollegs gab es für die Baureifmachung des Areals rund 2000 Lkw-Fahrten. Anfang des Jahres will die Artemis mit dem Rückbau beginnen. Noch für dieses Jahr hofft man auf den positiven Bescheid des Abbruchantrags durch die Bauverwaltung.

Wie das die nächsten Jahre mit dem Verkehr in dem Wohnviertel laufen soll, das fragen sich inzwischen die Anwohner. Vielen wird langsam angst und bange angesichts der drei mehr oder weniger gleichzeitig laufenden Großprojekte im Viertel. Dabei war das Mühlenquartier mit seinen 400 Wohnungen als Erstes da. Als das Werkstattverfahren 2012 stattfand, ging niemand davon aus, dass das Albrecht-Dürer-Berufskolleg auf der ehemaligen Thyssen-Krupp-Brache knapp 200 Meter entfernt gebaut werden soll.

Der damalige Oberbürgermeister Dirk Elbers (CDU) hatte einen erneuten politischen Vorstoß aus dem Süden im August 2013 mit dem Hinweis einer zu großen Bodenbelastung zurückgewiesen. Als Geisel Elbers ablöste, war Benrath wieder im Rennen und bekam den Zuschlag. Täglich ist mit dem Besuch von rund 1600 Schülern und rund 110 Lehrern zu rechnen. Bereits zum Schuljahr 2018/2019 soll die Schule den Betrieb aufnehmen.

Der stellvertretende Bezirksbürgermeister Udo Skalnik (SPD), der sich mit seinem SPD-Kollegen Rajiv Strauss dafür einsetzte, dass das Dürer-Kolleg in Benrath gebaut wird, setzt darauf, dass der überwiegende Teil der Schüler mit dem ÖPNV oder dem Fahrrad zur Schule kommt. Diese Aussage wurde bei dem Info-Abend von Anwohnern als "weltfremd" zurückgewiesen. Rund um den Fürstenwall, dort ist das Hauptgebäude des Dürer-Kollegs, hat man allerdings die Erfahrung gemacht, dass ein recht hoher Anteil der über 18-jährigen Schüler mit dem Auto kommt.

Direkt neben der Schule in der Paulsmühle ist noch ein weiteres Wohnviertel geplant; dafür haben inzwischen die Vorarbeiten eines Bebauungsplanentwurfs begonnen. Dort sind weitere bis zu 400 Wohnungen geplant. Weil die Wohnbebauung allerdings an das Gelände der Firma Terex heranrückt, behält sich nach Informationen unserer Redaktion das Unternehmen rechtliche Schritte gegen das Bauvorhaben vor. Auf Anfrage beim Unternehmen hieß es dazu gestern: "Das ist ein laufendes Verfahren. Zum jetzigen Zeitpunkt möchten wir uns dazu nicht äußern." Vielleicht ist eine Klagedrohung aber auch nur ein Schachzug, um mit der Stadt endlich eine Lösung im Streit um den Ausbau der Unterführung Bamberger Straße herbeizuführen. Wenn der RRX 2018 kommt, können dann nicht mehr die Oberleitungen höher gehängt werden, damit die Schwerlaster mit Kranbauteilen ungehindert zum Hafen fahren können. Stadt und Terex sind sich bislang nicht einig darüber, wie die Kosten für die Tieferlegung der Straße verteilt werden sollen.

Doch ein Rechtsstreit darüber, ob die Wohnbebauung die vorgeschriebene Abstandsfläche zum Industriegelände einhält, könnte dauer. Ein Verzicht der Stadt auf die Wohnbebauung würde die Finanzierung des Dürer-Kollegs, für die derzeit die Stadttochter Industrieterrains Düsseldorf-Reisholz (IDR) mit rund 70 Millionen Euro in Vorleistung tritt, in Schieflage bringen. Denn der Verkauf des Areals an einen Wohnungsbauinvestor soll dafür Geld in die Stadtkasse spülen.

Viel wichtiger ist für die Paulsmühler, die seit Monaten mit diversen Straßenbaustellen leben - von Stadtwerken und dem Stadtentwässerungsbetrieb - die Lösung der Verkehrsproblematik. Das von der IDR beauftragte Gutachten ist fertig und sollte in der Sitzung der Bezirksvertretung Anfang November vorgestellt werden. Da der Gutachter erkrankt war, soll das am 9. Dezember nachgeholt werden.

Für Dirk Angerhausen, Sprecher der CDU-Fraktion in der BV 9, steht jetzt schon fest, dass die Abhandlung "für die Tonne" ist. Nicht ganz so deutlich wird sein Parteifreund, Bezirksbürgermeister Karl-Heinz Graf. Aber auch er geht davon aus, dass die Probleme damit "nicht befriedigend geklärt sind". Aus Sicht der beiden Bezirkspolitiker muss sogar ein neues Gutachten erstellt werden, in dem echte Alternativen diskutiert werden. Etwa eine neue Straße parallel zur Bahntrasse.

Ihre Sorgen über die Zunahme der Verkehrsbelastung hatten die Pauslmühler vor einem Jahr bei einer Veranstaltung der Stadtplanung über die Planungen auf der Thyssen-Krupp-Brache geäußert.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Analyse: Großprojekte legen die Paulsmühle lahm


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.