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Hans Schmitz
"Beliebig, das waren wir nie"

Hans Schmitz: "Beliebig, das waren wir nie"
Mag Goethe nicht, dafür David Peace, kämpft in seinem Beruf wie viele andere mit den Auswüchsen des Internets, bleibt aber optimistisch, dass gute Buchläden ihre Existenzberechtigung behalten werden: Hans Schmitz. FOTO: Lars Heidrich
Bilk. Die Buchhandlung BiBaBuZe hat ein Gütesiegel als "ausgezeichneter Ort der Kultur" erhalten. Von Marc Ingel

Seit 1977 gibt es die etwas andere Buchhandlung BiBaBuZe an der Aachener Straße 1. Gegründet zur "Schaffung einer Gegenöffentlichkeit und zur Korrektur der vorherrschenden Meinung" war der Laden seither stets ein Anlaufpunkt für anspruchsvolle, vor allem politische Literatur. Jetzt erhielt die BiBaBuZe (Bilker Basis Buch Zentrale) bei der Vergabe des Deutschen Buchhandlungspreises das Gütesiegel als "ausgezeichneter Ort der Kultur". Ein Gespräch mit Hans Schmitz, der zusammen mit Antje Westermann den Buchladen leitet.

Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Hans Schmitz Ich persönlich hätte sicher auch ohne sie leben können, wir haben die Auszeichnung aber im Gegensatz zu Marcel Reich-Ranicki dann doch angenommen. Es verschafft uns ein besseres Standing nach außen und ist daher hilfreich. Insgesamt ist diese Preisauslobung eine Anerkennung des unabhängigen Buchhandels.

Wie würden Sie prinzipiell die Ausrichtung Ihrer Buchhandlung beschreiben?

Schmitz Der ursprüngliche Anspruch ist mit dem heutigen natürlich nicht mehr zu vergleichen. Wir waren Mitte der 70er Jahre Teil einer zweiten größeren Gründungswelle linker Buchhandlungen, die sich vor allem als Forum für unterdrückte Nachrichten verstanden. Wir haben zwar das politische Standbein beibehalten, aber uns mit den Jahren sehr viel breiter aufgestellt. Seit langem bekommt man bei uns zum Beispiel Bio-Wein, seit fünf Jahren auch fair gehandelten Kaffee aus Mexiko. Nur beliebig, das waren wir nie.

Entsprechend hat sich auch die Auswahl an Literatur verändert?

Schmitz Bedingt. Wir waren nie eine ausschließlich politische Buchhandlung, es gab schon immer die "Schöne Literatur", auch Kinder- und Jugendbücher. Das eine war ohne das andere nie denkbar.

Lässt die Schwerpunktsetzung auf politische und kulturell anspruchsvolle Literatur auch trivialen Lesestoff zu? Oder anders gefragt: Wo ziehen Sie die Grenze?

Schmitz Diese Frage ist fast nicht zu beantworten, da bewegt man sich ganz schnell im Bereich der Metaphysik. Vieles hat mit Lebens- und Berufserfahrung zu tun, auch mit Berufsethos. Aber man kennt uns ja mittlerweile, daher werden wir nicht mit X-Beliebigem behelligt. Wir arbeiten seit vielen Jahren nur mit ganz bestimmten Verlagen zusammen, man vertraut und schätzt sich. Prinzipiell bleibt festzuhalten: Es gibt zweifelsohne genauso viel gute Unterhaltungs- wie schlechte Hochliteratur.

Bei der Fülle an Neuerscheinungen: Wie schaffen Sie es, sicherzustellen, dass die bei Ihnen angebotenen Bücher Ihren Qualitätskriterien entsprechen?

Schmitz Das wird mit den Jahren auch nicht leichter. Ich lese zeitbedingt längst nicht mehr so viel wie früher. Zudem ist in vielen Fällen Vorsicht geboten. Bei einigen Büchern, die gerade erst erschienen sind, klebt oft schon vorher Bestseller drauf. Ich bin auch nach wie vor ein großer Fan der Besuche von Verlagsvertretern ebenso wie von Print- statt Online-Vorschauen. Und am Ende lebt man ja doch in diesem Beruf seine ganz persönliche Lese-Obsession aus und kann sich sein eigenes Bild machen.

Reicht kompetente Beratung und ein entsprechendes Ambiente im Laden heutzutage noch aus, um dem boomenden Internethandel die Stirn zu bieten?

Schmitz Es wird natürlich immer schwerer. Unser Vorteil ist, dass wir viele aufgeklärte Stammkunden haben, die unserem Urteil vertrauen. Zudem kann man bei uns abends ein Buch bestellen und es am nächsten Tag abholen. Da sind die Online-Händler langsamer. Dennoch ist es wie in vielen Lebensbereichen: Für bestimmte Berufsfelder bedeutet die Auseinandersetzung mit dem Internet ein einziger Kampf.

Wer ist für Sie der am meisten überschätzte Autor?

Schmitz Wo soll ich anfangen, wo aufhören? Von unserem Zauberlehrling Johann Wolfgang Goethe halte ich wenig, seine Prosa, etwa Werther, ist für mich nichts anderes als der Vorläufer einer Soap Opera. Natürlich kann man ihn trotzdem hier kaufen. Dann gibt es Bücher wie Hesses Siddhartha, die sind mir viel zu kitschig, voller süßlicher Sinnsuche. Wir führen die Leser aber gerne auf andere literarische Wege, machen unsere Bestseller sogar selbst - wie zum Beispiel David Peaces düsteres literarisches Pandämonium über die Thatcher-Ära, "GB84".

Ein Tipp?

Schmitz Najem Wali, Bagdad Marlboro, zum Beispiel, von einem in Berlin lebenden Iraker. Antje Westermann empfiehlt den Roman, der zum Verständnis der gegenwärtig weltweiten Flüchtlingsbewegungen bitter nötig ist. Ich kenne es selbst noch nicht, werde es aber auf jeden Fall lesen.

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Quelle: RP
 
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