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Bilk
Das günstigste Mittagessen der Stadt

Bilk. Beim Drei-Gänge-Menü im Café Grenzenlos hört man viele Lebensgeschichten. Die meisten handeln von Arbeitslosigkeit, Armut, Krankheit, Gewalt und auch Verzweiflung, nur die wenigsten enden mit einem Happy-End. Von Semiha Ünlü

Wenn Josef Dubbelmann von den alten Zeiten erzählt, wirkt er verträumt. "Ich war schon in Winnipeg in Kanada und in Moskau", erzählt der 69-Jährige. Inzwischen sieht man den ehemaligen kaufmännischen Angestellten vor allem im Café Grenzenlos. "Vor vier Jahren hatte ich einen Schlaganfall und bin seitdem eigentlich jeden Tag hier", sagt der Bilker, während er den ersten Gang seines Drei-Gänge-Menüs isst: Blumenkohlrahmsuppe.

Im "Grenzenlos", wie viele Düsseldorfer das Café an der Kronprinzenstraße nennen, sind Menschen mit kleinem Einkommen wie Josef Dubbelmann Stammgäste. Wer als bedürftig gilt, also nicht mehr als 783 Euro pro Monat zum Leben hat, kann bei Walter Scheffler, dem Vorsitzenden des "Grenzenlos", und seinem Team ein Frühstück oder Drei-Gänge-Mittagessen für 2,50 Euro bekommen. Günstiger können Studenten nicht mal in ihrer Mensa essen.

Auch Andrea Fuchs (Name von der Redaktion geändert) kommt seit einigen Monaten regelmäßig an die Kronprinzenstraße. Sie nippt an einem Glas Cola, das vor ihr auf dem Tresen steht. Die 56-Jährige ist seit Ende 2013 wohnungslos. Erst habe sie binnen weniger Wochen ihre Eltern verloren, dann ihr kleines Mode-Geschäft wegen eines Eigentümer-Wechsels aufgeben müssen. Schließlich sei sie nach Recklinghausen zu ihrem damaligen Freund gezogen, einem Künstler, der sie geschlagen habe. "Ich blieb, weil ich hoffte, dass er sich entschuldigen und ändern würde. Eines Abends setzte er mich dann aber plötzlich vor die Tür. Ich wusste nicht wohin." Eine Frau, die sie auf der Straße ansprach, habe sie zumindest die Nacht bei sich schlafen lassen. "Ich war ihr so dankbar!", sagt Andrea Fuchs. Danach habe sie sich um einen Platz im Frauenhaus und in einer Unterkunft für Obdachlose bemüht. Doch immer sei sie abgewiesen worden. Mal habe man ihr gesagt, dass es keinen freien Platz gebe, dann, dann dass eine Krankheit ausgebrochen sei. Schließlich habe man ihr gesagt, dass sie in den Unterkünften nicht sicher sei, weil es oft Gewaltausbrüche gebe.

Seit vier Monaten lebt Andrea Fuchs inzwischen in Düsseldorf, bezieht Hartz-IV. Eine Wohnung habe sie bisher nicht gefunden. Auch das "Grenzenlos"-Team, zu dem ein Sozialpädagoge gehört, habe ihr dabei bislang nicht helfen können. Bei einer sozialen Einrichtung - den Namen will Andrea Fuchs nicht nennen - dürfe sie seit Kurzem im Büro, auf einer alten Couch, schlafen. Duschen könne sie dort nicht. "Ich kaufe mir bei Aldi Tücher und Wasser, um mich einigermaßen sauber zu halten", sagt die 56-Jährige, und dann: "Ich kann einfach nicht mehr."

Um kurz nach 12.30 Uhr ist im Café Grenzenlos kaum noch ein Platz noch frei, man versteht kaum noch sein eigenes Wort. An einem Tisch sitzt Anja P. (43) mit zwei weiteren Frauen. 2010 habe sie ihren Job verloren, inzwischen zumindest einen Mini-Job. Sie komme wie viele andere in erster Linie wegen der Preise ins "Grenzenlos". "Doch mir gefällt auch die Atmosphäre, man kommt mit Anderen schneller ins Gespräch als woanders, finden Sie nicht?"

In den vergangenen vier Jahren hat Josef Dubbelmann beim Mittagessen im Café Grenzenlos viele Menschen kennengelernt, auch einige Freunde gefunden. Manchen hat er beim Drei-Gänge-Menü von seinem Schlaganfall erzählt und wie sich sein Leben danach veränderte. Oft spricht er aber auch über Politik, Sport oder Musik. Eben so wie jeder andere, wenn er zum Mittagessen ausgeht.

Quelle: RP
 
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