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Bilk
"Graffiti ist der beste Schutz vor Graffiti"

Bilk. Schon seit 30 Jahren macht er graue Wände bunt, seine Werke zieren längst auch Kunstmagazine und Flyer: Der Bilker Oliver Räke ist Graffiti-Künstler. Er erklärt, warum Sprayer die Bilder ihrer begabten Kollegen respektieren. Von Oliver Burwig

Für seine Klassenkameraden war Oliver Räke ein Vorbild. Nicht, weil er gut in der Schule war, frech oder lustig, sondern weil er etwas Neues, Besonderes tat: Sprayen. Schon 1984 machte Räke seine ersten künstlerischen Gehversuche und half damit, den Grundstein für die Düsseldorfer Graffiti-Szene zu legen. Aus der Jugendbewegung der 80er, die sich noch stark auf Skater, Punks und Mods bezog, entstand über die Jahre eine polarisierende Kunstform, die in der ganzen Stadt präsent ist - und mit Beispielen wie den Bildern Harald Naegelis auch immer wieder in der Kritik steht.

Seinen Anfang nahmen Graffiti in den 70er Jahren in den USA. "Irgendwann war in New York jeder Zug bemalt", sagt Räke. In Deutschland sei das Phänomen erst in den 80ern angekommen: "Die Szene war damals extrem klein. Heute gibt es in jedem Kaff mindestens einen Sprayer." "Street Art", so meint der 47-Jährige, "hat den Weg in den Mainstream" gefunden. Vorbei die Zeit, in der Graffiti nur in dunklen U-Bahn-Stationen und an Müllcontainern der schlechteren Stadtteile zu finden waren. Heute lassen sich selbst städtische Unternehmen wie die Stadtwerke ihre Trafo-Stationen von Graffiti-Künstlern wie den "MaJo Brothers" besprühen - und bezahlen dafür. "Graffiti ist der beste Schutz gegen Graffiti", sagt Räke. Er erklärt auch, warum: "Besser geht da über schlechter, bunt über silber, Wildstyle über Simple" - die oft chaotisch wirkenden Schriftzüge und Bilder lassen sich vom Kenner genau einordnen, ein gut gemachtes Graffiti übersprüht in der Regel niemand. Dennoch komme es diesen ungeschriebenen Gesetzen zum Trotz mitunter auch zum "Crossing", dem Übersprühen eines Bildes durch Rivalen.

Mit Harald Naegeli, der in Düsseldorf vor kurzem durch seine "Bombings" (illegale Graffiti im öffentlichen Raum) wieder ins Gespräch kam, verbindet Räke ein Erlebnis: "Er hat mich in den 80ern mal vom Fahrrad gezogen." Die jugendliche Szene habe in Graffiti vor allem "ein grundsätzliches Anti-Sein" gelebt, im bloßen Kopieren des amerikanischen Stils sah Naegeli einen "Kulturimperialismus". Wie den 75-jährigen Schweizer ziehe es aber auch Räke immer wieder in den öffentlichen Raum. "Wenn ich eine Fläche bekomme, nehme ich kein Geld für meine Bilder. Ich möchte Bilder malen, die mir entsprechen, das geht bei Auftragsarbeiten nicht." Sein Geld verdient er deshalb auch nicht mit seiner Kunst, sondern als DJ, Kellner und Grafikdesigner. Die "Anonymität", die Räke als Sprayer lange Zeit aufrechterhielt, gibt er nur langsam auf. "Ich hatte das große Glück, dass die Leute meine Bilder immer kannten und respektierten."

Ob legal oder illegal - für Räke sind Graffiti Bilder, die der Künstler verschenkt: "Das ist immer auch ein gewisses Infragestellen des kapitalistischen Wertesystems." Einige amerikanische Sprayer verkaufen ihre Werke auf Leinwand für fünfstellige Beträge an Kunstgalerien, die Street-Art-Szene zeichne sich aber gerade durch das "Verschenken" der Bilder aus. Räke selbst malt ungern in geschlossenen Räumen: "Für mich ist es die Situation, die das Bild prägt, die Choreografie des Sprühens, in die Hocke zu gehen, an der Wand entlang zu rennen und die Linien zu ziehen." Seine Werke signiert Räke mit einem Wort, dass diese Leidenschaft für die Kunst auf den Punkt bringt: "Magic".

Quelle: RP
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