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Serie Wohnen in Düsseldorf
Leben in einem Architektur-Juwel

Serie Wohnen in Düsseldorf: Leben in einem Architektur-Juwel
Trude Kraus (l.) und Dorothea Gelker lieben ihre Wohnung im Salzmannbau - für sie ist ein Lebenstraum wahrgeworden. FOTO: Endermann, Andreas (end)
Düsseldorf. Trude Kraus hat eine ganz besondere Beziehung zu ihrer Wohnung, zum Garten, zu etlichen ihrer Nachbarn - und überhaupt zur Geschichte dieses Ortes. Denn ihre Wohnung hat sie sich quasi selbst erkämpft. Von Ute Rasch

Trude Kraus, die auch mit 86 Jahren keinen Zweifel daran lässt, ihre Standpunkte zu vertreten, gehörte Anfang der 1990-er Jahre zum Verein "Leben in der Fabrik". Diese streitbare Gruppe kämpfte dafür, dass im Salzmannbau, dem ehemaligen Domizil der Jagenberg-Werke in Bilk, bezahlbares Wohnen für Alt und Jung, für Künstler und Studenten möglich wurde. Über das Ergebnis lässt sich auch gut 20 Jahre später nur staunen.

An einem Sommermittag plaudern zwei Nachbarinnen bei einer Tasse Kaffee im Sonnenschein. Neben ihnen blühende Schwertlilien, hinter ihnen eine prachtvolle Jugendstilfassade aus weiß glasierten Ziegeln. An diesem Ort hat Düsseldorf Architekturgeschichte geschrieben, hier ist gelungen, was sonst so oft scheitert: Ein Industriedenkmal wandelte sich in eine Wohn-Oase für unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen. "Doch bis es endlich so weit war, haben wir jahrelang debattiert", erinnert sich Trude Kraus.

Das Architektur-Juwel stammt von 1904, damals ließen sich die Papierfabrikanten Emil und Max Jagenberg an der Himmelgeister Straße ein herrschaftliches Domizil für ihr expandierendes Unternehmen bauen - mit eleganten Empfangsräumen und Kontoren, mit Speisesälen und einer "Badeanstalt" für die Belegschaft. "Es ging ihnen um höhere Dinge als nur ums Geldverdienen", bescheinigte ihnen später die Firmenchronik.

Dass die weißen Fassaden erhalten blieben, die von Licht durchfluteten Räume mit ihren hohen Decken und großen Fenstern, das war alles andere als selbstverständlich, als sich die Firma Jagenberg Mitte der 1980-er Jahre aus Düsseldorf verabschiedete. Ein Museum für Industriegeschichte war damals im Gespräch, auch über gewerbliche Nutzung wurde nachgedacht. Aber dann entdeckten Düsseldorfer Künstler den Komplex. "Für uns gab es ja kaum Räume", erinnert sich die Malerin Dorothea Gelker, "aber hier schien alles möglich zu sein."

Das ehemalige Mitglied von "Wohnen in der Fabrik" arbeitet und lebt heute in einem der großzügigen Ateliers mit angeschlossener Wohnung - insgesamt fast 180 Quadratmeter mit hohen Decken, Blick ins Grüne und einer drei Meter hohen Eingangstür. Hier entstehen ihre großformatigen New-York-Bilder. "Für die hohen Türen musste ich damals kämpfen, aber wie sollten meine Arbeiten sonst das Atelier verlassen können?" Für sie sei mit diesen Räumen ein Traum wahr geworden, "vorher bin ich 17 mal umgezogen". Bis sie und die anderen Mieter endlich einziehen konnten, vergingen zehn Jahre. In dieser Zeit wurde mit der Stadt geplant und gestritten, wurden Konzepte entwickelt, verworfen, Kompromisse geschlossen. Schließlich übernahm die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) den Komplex und begann Anfang der 1990-er Jahre mit der Sanierung. Das Ergebnis: 83 Wohnungen (davon 21 Studenten-Appartements) und 30 Künstlerateliers. Das Bürgerhaus Bilk ist hier untergebracht und hat sich längst zu einem Stadtteiltreff entwickelt - inklusive Fahrradwerkstatt und Kinderkleiderbörse. In der ehemaligen Schmiede sorgt heute die Jazz-Szene für den guten Ton. Deren Gäste und die Bewohner des Salzmannbaus treffen sich gern im Café Mautz, Mittelpunkt vom Frühstück bis zum späten Glas Wein.

"Hier findet man immer jemanden, mit dem man plaudern kann", sagt die Künstlerin Dorothea Gelker. Soeben eilt Oskar Richter vorbei, der immer wieder seinen flotten Schritt bremst, weil ihn Bewohner ansprechen. Offiziell ist der LEG-Mitarbeiter "Hauswart", geschätzt wird er vor allem, weil er immer ein offenes Ohr hat - ob es nun mal mit dem Heizungssystem hakt oder mit den zwischenmenschlichen Beziehungen. Längst hat er eine Warteliste von Interessenten, die gern hier wohnen würden, "aber es zieht ja kaum jemand aus".

Auch Trude Kraus, die als Politikerin zehn Jahre in der Bezirksvertretung Bilk aktiv war, kann sich nicht vorstellen, woanders zu wohnen. Sie sitzt auf ihrer Terrasse und schaut in den Gemeinschaftsgarten mit seinen vielen Obstbäumen. Früher hat sie in der "Grün-Gruppe" mitgearbeitet, Rosen gepflanzt, Äpfel geerntet "und dann Kuchen gebacken". Vielleicht sei durch die gemeinsame Arbeit damals der Kontakt zu anderen Bewohnern intensiver gewesen. "Man hilft sich zwar, wenn jemand krank ist, aber heute lebt doch jeder mehr für sich."

Quelle: RP
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