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Bilk
Stiller Abschied von Baum 05001 0040

Bilk. Das Gartenamt stellte bei einer Linde im Park des Alten Bilker Friedhofs einen Pilz fest, der den Baum faulen lässt. Zum Schutz der Parkbesucher muss er bald gefällt und ersetzt werden. Ein letzter Besuch. Von Sven-André Dreyer

Während sich drei Elstern lautstark auf der weitläufigen Wiese streiten, ergeben sich die beiden Männer in ihren schwarzen Jogginganzügen und mit geschlossenen Augen den geschmeidigen und fließenden Bewegungen morgendlichen Tai-Chi-Übungen. Hunde tun auf der benachbarten Auslauffläche gewissenhaft hechelnd das, was ihre Besitzer von ihnen erwarten, während die, schweigend und gelangweilt, daneben stehen und rauchen.

Hier ist es still, der großstädtische Verkehr und die hektische Betriebsamkeit erhalten keinen Zutritt zu der kleinen Parkanlage zwischen Sternwart- und Volmerswerther Straße, diesem ehemaligen Friedhof mit seinen sanften Hügeln, Mulden, Alleen und geschwungenen Wegen. Sonntagmorgens erst recht nicht. Und irgendwo hier muss es damals geschehen sein, die Narbe auf meinem rechten Knie zeugt noch heute davon. Ein unachtsamer Moment, ein Sturz mit dem Rad, ein aufgeschürftes, blutendes Knie und unzählige Kindertränen. Tröstend nahm mich meine Mutter in den Arm und versorgte die Wunde notdürftig mit einem Taschentuch. 1977 war das, vielleicht ein Jahr später. Nach einer halbe Stunde war das blutende Knie längst vergessen, und ich stäubte auf dem in den 1950er Jahren angelegten Wasserspielplatz kreischend kühles Nass in die vor Hitze flirrende Luft dieses Siebzigerjahresommers. Schweigend hast du damals daneben gestanden und dir angeschaut, was wir Kinder da so trieben. Meine Mutter saß in deinem Schatten auf einer Decke und erwartete uns nach dem Spielen mit Butterkeksen und Getränken. Über ihr deine saftig grünen Blätter, die aussahen wie kleine Herzen.

Viele Jahre später dann wohnte ich sogar für einige Zeit in deiner unmittelbaren Nachbarschaft. Unzählige Runden drehte ich damals joggend durch den Park und bog stets an dir ab in die lange Lindenallee, die Maximilian F. Weyhe 1805 bei Anlage des kleinen Friedhofs als eine der Nord-Süd-Passagen vorgesehen hatte. An deine massive, rissige Borke lehnte ich mich, als ich nach dem Laufen schwitzend meine Waden dehnte, die Oberschenkel, die Schienbeinmuskulatur und das Knie mit der Narbe.

Und als es in der Nacht des 9. Juni 2014 plötzlich blitzte und donnerte um dich, und "Ela" mit roher Gewalt an dir zog und zerrte, da bist du wehrhaft geblieben, hast Stand gehalten, hast dich ächzend nur ein wenig verbiegen lassen und einige deiner Äste und Zweige eingebüßt.

Als daraufhin die Motorsägen kamen, durftest du bleiben, der prächtige erste Baum dieser schnurgeraden Lindenallee im Alten Bilker Friedhof mit der Nummer 05001 0040, die dem Katasteramt dazu dient, dich jederzeit zuordnen zu können im Ensemble des schönen alten Baumbestands dieses kleinen Bilker Parks.

Jetzt aber heißt es für mich Abschied nehmen von dir. Denn bei einem Kontrollgang haben die Baumexperten des Gartenamtes vor einigen Tagen einen großen tellerartigen Pilz unterhalb deiner Baumkrone festgestellt. Und tatsächlich, er ist nicht zu leugnen, dieser Pilz. Er gehört zu der Familie der Porlinge und wird eine rasch fortschreitende Weißfäule in deinem Inneren verursachen. Die Gefahr, dass du umstürzen wirst, ist groß, sagen die Experten. Und zum Schutz der Parkbesucher, also auch mir, wird deine Fällung bereits in den kommenden Tagen unumgänglich sein. Also werde ich dich besuchen kommen, solange es noch geht. Und werde mir von dir noch einmal die Geschichten erzählen lassen von dem Friedhof, der der Park einmal war, und den tobenden Kindern und den Männern in ihren schwarzen Jogginganzügen, die sich bei ihren sonntäglichen Tai- Chi-Übungen nicht aus der Ruhe bringen lassen. Ganz so wie du.

Quelle: RP
 
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