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Düsseldorf
Zimmer frei!

Düsseldorf: Zimmer frei!
Hohe Decken, uriger Holzdielenboden und der gewisse Altbau-Charme - ein WG-Zimmer in solch einer Wohnung sollte doch schnell vermietet sein. Unsere Autorin hat aber auch andere Erfahrungen gemacht. FOTO: Andreas Endermann
Bilk. Einen liebgewonnenen Mitbewohner nach drei Jahren zu ersetzen, kann eine emotionale Herausforderung sein. An geeigneten Bewerbern sollte es in Düsseldorf aber wohl nicht mangeln - oder doch? Ein Erfahrungsbericht. Von Isabell Golde

Ich werde verlassen. Seit ein paar Wochen schon zeigen sich die ersten Signale. Es läge nicht an mir, sondern an ihm, hat Jan mir versichert. So ein Berufspendlerleben sei eben nichts für ihn.

Die Suche nach einem neuen Mitbewohner war eröffnet. Auf den ersten Blick befand ich mich in der bequemen Situation, in einer Studentenstadt mit umkämpftem Wohnraum über eine große, bezahlbare Altbauwohnung zu verfügen. Umso größer war mein Hochmut: Das erste Angebot, Jans wohnungssuchenden Kumpel einzuquartieren, lehnte ich euphorisch ab. Schließlich wollte ich mir die zahllosen Bewerber nicht entgehen lassen.

Wo junge Leute in Düsseldorf leben

Nach geschalteter Online-Anzeige trudelten die ersten E-Mails ein und wurden hochmütig ausselektiert. Allzu einsilbige "Hi, ich interessiere mich für die Wohnung" - Anschreiben wurden allenfalls mit dem Hochziehen der Augenbrauen quittiert. Ebenfalls auf der Abschussliste standen Begrüßungen wie "Hallo Yvonne!" (Copy & Paste ist ja vertretbar, nur sollte der Name des Adressaten zumindest der Richtige sein - das gilt auch für zukünftige Austausch-Studenten aus China) und Verabschiedungen wie "Cheers!".

Zehn E-Mails weiter stand die Erkenntnis, dass am Ende alle gleich ordentlich, gesellig, zuverlässig und Nichtraucher zu sein vorgaben. Aus dieser homogenen Masse waren drei Bewerber zu einem persönlichen Gespräch bereit. Es wären durchaus noch weitere, potenzielle Kandidaten dabei gewesen - aber der Wohnungsmarkt in Düsseldorf ist wohl doch nicht so umkämpft, wie ich dachte. Manche hüllten sich nach der Frage nach einem geeigneten Termin in geheimnisvolles Schweigen oder ließen mich wissen, dass sie doch lieber eine eigene WG aufmachten.

Eine Absage für einen Besichtigungstermin ist wohl auch dann legitim, wenn die in der Wohnung vorhandene Heizung nicht dem eigenen Gusto entspricht - "und alle meine Freunde mir letztendlich von Wohnungen mit Nachtspeicherofen abgeraten haben. Sorry!".

Gesprächspartner Nummer eins war von Beruf "Freelancer" im Medienbereich. Was auch immer sich dahinter verbergen mochte. Seine Freundin allerdings schien auch gleich mit einziehen zu wollen, so oft wie er von ihr redete.

Nummer zwei, 25 Jahre alt und arbeitssuchend, wohnte noch im elterlichen Nest und erkundigte sich als Erstes nach der Beschallbarkeit meiner Nachbarn. Nummer drei war ein BWL-Student wie er im Buche steht: Nach drei Jahren Geschäftstüchtigkeit in Asien zog es ihn wieder nach Deutschland, um seinen Master zu machen. An einer privaten Hochschule, versteht sich. Beim Skype-Date geriet ich rückblickend gesehen etwas zu vorschnell in Verzückung. Ob die nächtliche Skyline Singapurs wohl meinen Blick trübte? Auf jeden Fall sagte ich zu. Und hörte nach zwei Vertröstungen gar nichts mehr.

Ein bisschen Zeit bleibt mir noch für die Bewerbersuche. Hoffnung naht: Nach einem verzweifelten Aufruf in den sozialen Netzwerken erreichten mich einige mutmachende Nachrichten. Darunter erfrischende ("Ich bin schwul, aber keine fahnenschwenkende Diva auf Rollschuhen"), ehrliche ("Ich kenne das Wort putzen nicht nur aus Wikipedia") und euphorische ("Wenn's nach den Bildern geht, würde ich am Liebsten sofort einziehen").

Die Anti-Diva kommt indes am Samstag zum Frühstücken. Wenn schon nicht fahnenschwenkend, dann doch bitte mit Brötchen unterm Arm.

Quelle: RP
 
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