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Derendorf
Die Konsolenkinder

Derendorf: Die Konsolenkinder
Das Zimmer von Sebastian Kalitzki (l.) sieht aus wie ein Kinderzimmer. Mit Kumpel Sven Linnert organisiert er Partys mit Videospielen. FOTO: Andreas Endermann
Derendorf. Sebastian Kalitzki und Sven Linnert aus Düsseldorf lieben alte Videospiele - und veranstalten damit Partys in Kneipen und Cafés. Von Laura Ihme

Der Raum, in dem Sebastian Kalitzki die Videospiele in seiner Wohnung lagert, sieht aus wie ein Kinderzimmer: Bis an die Decke reichen die Regale, in denen er die Spiele, je nachdem, zu welcher Konsole sie gehören, sortiert hat. Insgesamt 3000 Stück sind es, schätzt Kalitzki. Er ist das Kind zum Kinderzimmer, 33 Jahre alt, von Beruf Grafiker und verrückt nach Videospielen. Und er hat einen Mitstreiter: Seit fünf Jahren sammelt er mit Kumpel Sven Linnert Spiele und Konsolen und veranstaltet Partys in Kneipen und Cafés, wo dann gemeinsam gezockt wird. Zusammen nennen sie sich die Konsolenkinder.

"Wir organisieren so genannte Retrospielevents. Das heißt, dass auf unseren Partys vor allem Spiele aus den 70er, 80er und 90er Jahren gespielt werden. Spiele eben, die es im Handel schon lange nicht mehr gibt", erklärt Kalitzki. Wie zum Beispiel Pong - ein Klassiker unter den Videospielen, wie er und Linnert versichern. Das Prinzip ist einfach: Wie beim Tennis geht es darum, einen Ball hin- und herzuspielen und dabei den Gegner auszustechen. Bloß, dass der Ball bei Pong ein Punkt ist und das Spielfeld ein Bildschirm. "Dieses Spiel kann jeder spielen, es ist leicht verständlich und man hat trotzdem total Spaß, darin gegeneinander anzutreten. Es ist immer auf unseren Partys mit dabei", sagt Sven Linnert. Dem Sozialpädagogen geht es dabei allerdings weniger um das Spiel an sich als um den Effekt, den es erzielt: "Wer zu unseren Abenden kommt, ist kein großer Zocker, sondern will zusammen mit anderen Spaß haben", sagt er. Spielen allein könne schließlich jeder zu Hause, einander herauszufordern, dabei ein Bier zu trinken, zu fachsimpeln und neue Leute kennenzulernen dagegen nicht.

Für die Konsolenkinder sind die langen Abende mit Pac-Man, Tetris und Pong außerdem stets eine Reise in die Vergangenheit: "Man erlebt seine eigene Kindheit noch einmal", sagt Sebastian Kalitzki. Bloß, dass er als Kind niemals so viel Geld gehabt hätte, um sich all die Spiele zu leisten, die er heute so stolz in seinem Regal aufgereiht hat. Andererseits seien Retrospiele oft auch frustrierend, schließlich seien sie weder besonders schön designt, noch sonderlich schnell - kurz: schlechter als die modernen Spiele. "Damals waren sie aber das Beste, was der Markt zu bieten hatte, und so haben wir sie auch wahrgenommen. Verglichen mit Spielen von heute können sie aber in vielen Dingen nicht mithalten", sagt er.

Abgesehen von Pong - das funktioniere einfach immer, vor allem wenn man es auf alten Röhren-Bildschirmen spiele. Die transportieren die Konsolenkinder jedes Mal zusammen mit mehreren verschiedenen Konsolen von Atari bis Nintendo zu den Partys, bauen sie dort auf und bringen bis zu fünf Spiele pro Gerät mit. "Früher haben die Gäste auch oft selbst noch ihre alten Konsolen mitgebracht, aber mittlerweile verlassen sie sich mehr auf uns", sagt Linnert. Vor allem, weil er und Sebastian Kalitzki diese ja sogar in gleich mehreren Ausführungen hätten.

Geht mal eine kaputt, schrauben die beiden entweder selbst dran rum oder bekommen Hilfe auf den Partys. "Wenn wir vorher unseren Stammgästen berichten, dass eine unserer Konsolen kaputt ist, kommt meist jemand mit seinem Werkzeugkasten vorbei und repariert sie", sagt Kalitzki. Er und sein Partner seien nämlich nicht die Einzigen, die sich für den Erhalt der alten Videospiele einsetzten, dahinter stehe eine ganze Szene. "In Düsseldorf ist sie allerdings recht überschaubar mit etwa 20 Aktiven, die auch regelmäßig zu uns kommen. In ganz NRW sind es aber bestimmt 200 Leute, die Spieleabende organisieren oder besuchen", sagt er. Regelmäßig gebe es auch Treffen zum Thema, entweder angedockt an große Videospielmessen wie die "Gamescom" in Köln oder als eigene Zusammenkunft.

"Videospiele sind ja mittlerweile sogar als Kunstform anerkannt", sagt Sven Linnert. Es ist ihm wichtig durch das Engagement der Konsolenkinder zu zeigen, dass die Spiele meist noch mehr sind als Spaß: "Man kann daraus auch immer etwas lernen", sagt er. Viel zu oft würde die Öffentlichkeit nur das Bild des ungewaschenen, übergewichtigen Spielesüchtigen kennen. "Doch genau das sind wir nicht - das beweisen unsere Partys."

Quelle: RP
 
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