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Derendorf
Ein dreifaches Hoch auf Preußens Gloria

Derendorf. Wo heute in Derendorf vor allem teure Neubau-Wohnungen locken, waren bis zum Ende des Ersten Weltkriegs auf rund zehn Hektar Soldaten in verschiedenen Kasernen untergebracht. Eine Spurensuche. Von Marc Ingel

Die Geschichte beginnt mit einem Tannenwäldchen, weitab vom Schuss - oder "jot weh deh: janz weit drusse", wie Manfred Hebenstreit von der Geschichtswerkstatt sagt. Er leitet die Führung über das Gelände der einstigen wilhelminischen Kasernen zwischen Ross-, Johann-, Ulmen- und Tannenstraße, in denen ab 1893 Soldaten hausten und auf ihren Einsatz warteten. Heute wohnen dort vor allem Besserverdienende, dort hat auch die Werbeagentur Grey ihren Sitz.

Derendorf müsse entmilitarisiert werden, fordert Hebenstreit in Anspielung auf die vielen Straßen im Stadtteil, die nach preußischen Generälen benannt sind: Gneisenau etwa, Blücher oder Bülow. Aber das ist eine andere Geschichte. "Ein dreifaches Hoch auf Preußens Gloria!", kann sich Hebenstreit dann doch nicht verkneifen, hinterherzuschieben.

Zurück zum Tannenwäldchen: 1882 wird Düsseldorf mit mehr als 100.000 Einwohnern zur Großstadt, die sich ausdehnt (nach Süden). Napoleon ist aus den Köpfen der Menschen weitgehend verschwunden, und militärische Anlagen in der Innenstadt (man denke nur an Kasernen- oder Bastionstraße) sind den Bürgern nicht länger zuzumuten. Also wohin mit dem Militär? Irgendwo in den Norden. Das unberührte Gelände rund um den Tannhain bietet sich an, genug Platz für Gebäude, Ställe oder auch Exerzierplätze ist vorhanden. Und rund um die Breite Straße können Grundstücke für "schöne Bauten" freigegeben werden - für das erste Schauspielhaus zum Beispiel oder später auch die Synagoge.

Heute nennt man die rund zehn Hektar große, preußische Militäranlage gerne kurz Ulanenkaserne, dabei bezieht sich diese Bezeichnung eigentlich nur auf einen Teilbereich. Insgesamt wurden dort sogar vier verschiedene Truppengattungen untergebacht: das Königlich Preußische Zweite Westfälische Husaren-Regiment Nummer elf (die Gebäude jenseits der Rossstraße existieren heute nicht mehr), das Niederrheinische Infanterie- und Füselier-Regiment Nummer 39 "Ludendorff", die Kavallerie des Ersten Westfälischen Feldartillerie-Regiments Nummer sieben "Prinzessin Carl von Preußen" sowie eben jenes legendäre Westfälische Ulanen-Regiment Nummer fünf "Düsseldorf" - um ganz genau zu sein.

Die Gruppe geht auf Höhe der Tannenstraße auf das Gelände, bewegt sich zwischen den ehemaligen Artillerie-Kasernen. Viele der Häuser sind hier im Original so stehengeblieben, wurden innen wie außen nur aufwendig saniert und restauriert. Am Klinker lässt sich noch heute erkennen, wer damals wo untergebracht war: rot steht für die Artillerie mit ihren Geschützen und die Lanzen-Kämpfer der Ulanen, gelb für die Infanterie, die Fuß-Soldaten. Jede der Kasernenanlagen wurde von einem anderen Architekten erbaut, sagt Hebenstreit. Die modernen Stadthäuser stehen heute zum Teil noch innerhalb der denkmalgeschützten Mauern alter Pferdeställe, Eisenringe zum Anbinden der Pferde zeugen davon. Doch nach dem Ersten Weltkrieg war diese Zeit bereits wieder vorbei.

Gut zwei Stunden dauert die vom Zentrum Plus angebotene Führung. Sind für viele der Teilnehmer derartige Informationen tatsächlich neu, können sich einige noch an die Nutzungen im Anschluss erinnern. Wurden zunächst französische Soldaten und nach dem Zweiten Weltkrieg neu geschaffene NRW-Ministerien (Ernährung, Agrar) einquartiert, so hat sich doch vor allem die Bereitschaftspolizei als Nutzer in den Köpfen festgesetzt. Ebenfalls ziemlich frisch im Gedächtnis vieler sind die aufsehenerregenden Terroristenprozesse in den 70er Jahren, als die Angeklagten vom nahen Hochsicherheitsgefängnis zum Gerichtsbunker des Oberlandesgerichts auf dem Kasernengelände transportiert wurden. Davon ist heute auf den ersten Blick nicht mehr viel zu sehen - obwohl die Geschichte doch an jeder Ecke deutlich zu spüren ist.

Quelle: RP
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