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Derendorf
Jeder Strich ein Menschenleben

Derendorf: Jeder Strich ein Menschenleben
Die Strichliste, die der Düsseldorfer Polizeibeamte Paul Salitter 1941 anfertigte, als er einen Transport von Derendorf nach Riga befehligte. FOTO: Mahn- und Gedenkst�tte
Derendorf. Eine neue Publikation der Mahn- und Gedenkstätte erzählt von NS-Tätern, Opfern und den vielen, die es hätten wissen müssen. Von Torsten Thissen

Hildegard Jakobs war noch einmal in der ehemaligen Marktviehhalle an der Rather Straße, einen Tag vor der Schließung 2003. Und die stellvertretene Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf hat Fotos vom Inneren gemacht. In dem nun erschienenen Buch "Düsseldorfer Deportationen" sind die Fotos zu sehen, und obwohl man weiß, dass so ein Ort ja nur aus Steinen, Stahl und Glas besteht, dass ein Ort ja nichts Böses an sich haben kann, lösen die Bilder Beklemmungen aus.

Tausende Menschen aus der Region wurden hier gesammelt, um sie später über den nahegelegenen Güterbahnhof in Ghettos und Lager zu transportieren, um sie sie zu ermorden. Wenn dann noch der Mit-Autor und Leiter der Gedenkstätte Bastian Fleermann von einem der letzten Transporte erzählt, bei dem zunächst das Gepäck der Menschen in drei Waggons gesammelt wurde, nur um die Illusion zu erwecken, dort wo die Menschen hinführen, bräuchten sie noch Gepäck, wenn er weiter berichtet, wie die Gepäckwagen vor der Abfahrt wieder abgehängt und die Habseligkeiten erfasst und verwertet wurden, dann ist man schon mitten drin in diesem beispiellosen Verbrechen, dessen sich so viele Menschen schuldig gemacht haben. Auch das erspart dieses Buch einem nämlich nicht: Die Täter, die Schuldigen, das Buch nennt und zeigt sie, zitiert sie, den großen Verbrecher und die kleinen Leute.

"Düsseldorfer Deportationen - Massenverschleppungen von 1933 bis zur Befreiung 1945" ist der fünfte Band der erfolgreichen Schriftenreihe der Mahn- und Gedenkstätte. Und er wird hoffentlich mindestens so erfolgreich werden wie die Vorgänger. Liebevoll ist der Band zusammengestellt, mit vielen Dokumenten, die oft durch ihre Nüchternheit erst wirken. Wie etwa die Strichliste, die der Düsseldorfer Polizeimajor Paul Salitter angelegt hatte, um den Transport von Juden aus der Region nach Riga, den er anführte, statistisch zu erfassen. Erhalten geblieben ist auch sein Bericht über jenen Transport am 11. Dezember 1941. Mehr als 1000 Menschen, Männer, Frauen, Säuglinge, Greise, die mitten in der Nacht zum Güterbahnhof Derendorf getrieben wurden.

"Auf dem Wege vom Schlachthof zur Verladerampe hatte ein männlicher Jude versucht, Selbstmord durch Überfahren mittels einer Straßenbahn zu verüben. Er wurde jedoch von der Auffangvorrichtung der Straßenbahn erfasst und nur leicht verletzt. Er stellte sich anfänglich sterbend, wurde aber während der Fahrt bald sehr munter, als er merkte, dass er dem Schicksal der Evakuierung nicht mehr entgehen konnte", schreibt er. Und weiter: "Ebenfalls hatte sich eine ältere Jüdin unbemerkt von der Verladerampe, es regnete und war sehr dunkel, entfernt, sich in ein nahe gelegenes Haus geflüchtet, entkleidet und auf ein Klosett gesetzt. Eine Putzfrau hatte sie jedoch bemerkt." Salitter schließt seinen Bericht an Vorgesetzte mit der Beurteilung seiner Männer, die durchaus positiv ausfällt. "Abgesehen davon, dass ich einzelne von ihnen zu schärferem Vorgehen [...] anhalten musste." Nach dem Krieg wurde er als "Mitläufer" eingestuft und erhielt volle Pensionsansprüche. In den Polizeidienst wurde er nicht wieder übernommen, obwohl er mehrfach darum gebeten hatte: "Ich verspreche, auch in der neuen Demokratie meine ganze Persönlichkeit in den Dienst der Sache zu stellen, genauso, wie ich es unter den Regierungen Wilhelms II., Ebert, Hindenburg und im Dritten Reiche getan habe." Die Originalquellen sind die Stärke des Buches. Und die Personalisierung. Gerade dadurch, dass sich die Autoren in Einschüben einzelnen Opfern widmen, deren Geschichten erzählen, deren Leben widmen, werden Deportierte zu Menschen. Fleermann und Jakobs stellen der Strichliste die Familienfotos entgegen, Briefe, Porträts von Werner Rübsteck aus Willich, von der Familie Lindemeyer aus Düsseldorf, von Selma Pardis.

Zudem vergessen die Autoren der neuen Publikation nicht, von den ersten Deportierten zu erzählen, von den politischen Gegnern der Nationalsozialisten, von Kommunisten, Homosexuellen, Sinti und Roma, von den Unangepassten und aus der Gesellschaft Gefallenen, von den Behinderten und Kranken. "Die Arbeit der Gedenkstätte lässt viele Familien, die sich jahrelang fragen, was mit ihren Angehörigen geschehen ist, wieder schlafen", sagte Wilfried Johnen, der Geschäftsführer des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden, bei der Präsentation. Wer den Band liest, weiß vielleicht ein bisschen besser, was er damit meint.

Quelle: RP
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