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Derendorf
Traumjob Friedhofsleiter

Derendorf. Stefan Süß ist täglich umgeben von Tod und Trauer - seinen Arbeitsort möchte er dennoch nicht eintauschen. Von Tanja Karrasch

Stefan Süß' Arbeitstag beginnt um halb sieben. Der Chef schließt auf, schaltet die Kaffeemaschine an, wirft einen Blick auf den Kalender. Er plant nur wenige Tage im Voraus. Wen er nächsten Montag beerdigen wird, weiß er noch nicht. "Derjenige ist ja noch nicht verstorben", sagt der Leiter des Düsseldorfer Nordfriedhofs. Mit den Mitarbeitern bespricht er, was es zu tun gibt, welche Grabstätten vorbereitet werden müssen, welche Beerdigungen bis zum frühen Nachmittag anstehen, ob Sargträger erkrankt sind und ein Ersatz gefunden werden muss. Beerdigungen sind Dienstleistungen, sagt Süß, da muss alles sitzen. Und hinter einem reibungslosen Ablauf steckt gute Planung.

Gegen Mittag gehen Menschen, in schwarz gekleidet, auf das Tor am Ausgang zu. Die Augen einer hageren, älteren Frau sind gerötet, der Blick leer. Tod und Trauer sind allgegenwärtig an diesem Ort, viele wollen hier so wenig Zeit wie möglich verbringen. Für Stefan Süß jedoch ist der Friedhof ein Stück Zuhause, seine 36 Mitarbeiter Familie. Er mag das viele Grün, die alten Bäume: "So verrückt es auch klingt, für mich ist das hier ein Traumjob."

Schon als Kind verbrachte Süß seine Freizeit zwischen Gräbern. Seine Eltern hatten eine Friedhofsgärtnerei, als Zehnjähriger packte er mit an, mit 14 lernte er auf dem Friedhofsgelände das Autofahren. Mit 23 Jahren wurde er der jüngste Friedhofsleiter in Mönchengladbach. Zwölf Jahre später. Ein neues Jobangebot: die Leitung des Nordfriedhofs, Düsseldorfs größtem Kirchhof. "Das ist eine ganz andere Nummer hier, man merkt, dass hier viel mehr Kultur und auch Geld hintersteckt", sagt er. Über 130 Jahre ist der Nordfriedhof alt, im Teil der historischen Gräber liegen die Familie Lueg, der Bildhauer August Wittig, Fritz Henkel, die Grabstätte Haniel & Oerder befindet sich auf dem Millionenhügel, das Grab des Rheinmetall-Direktors Carl Völler ist prunkvoll gestaltet. Die Geschichten hinter den Namen faszinieren ihn, er trägt sie bei Führungen weiter, manchmal auch in der Dunkelheit, mit Taschenlampen.

Es sind die tragischen Todesfälle, die Stefan Süß das Leben lehren. Die Schmetterlingskinder, die niemals zur Welt kommen durften. Verstorbene Gleichaltrige. Jugendliche, die einen Autounfall nicht überlebten. "Der klassische Spruch lautet ja immer: Das mache ich mal, wenn ich älter bin, mehr Geld habe, in Rente gehe. Ich bekomme hier aber zu oft mit, dass es von einer Sekunde auf die andere vorbei sein kann", sagt Süß. "Ich möchte mir nicht vorwerfen müssen, Dinge aufgeschoben zu haben." Mit jedem Kunden sucht er nach der passenden Grabstätte. "Wenn eine Witwe sagt, ihr Mann habe seinen Garten geliebt, dann zeige ich ihr nicht einen Platz in den Reihen, wo Grab an Grab ist, sondern eher eine Stelle, wo es parkähnlich aussieht." Herzenswünsche versucht Süß möglich zu machen, sofern sie der Würde des Ortes entsprechen. Luftballons, einen Dudelsackspieler und einen spalierstehenden Sportwagen-Club hat es auf dem Nordfriedhof schon gegeben.

Süß wünscht sich, dass Besucher sich respektvoll verhalten, eine rücksichtslose Radfahrerin habe mal den Beerdigungswagen geschnitten, den lauten Knall, mit dem der Sarg gegen die Hinterwand des Elektrotransporters knallte, wird Süß nie vergessen. Auch Pokemonspieler betrachtet er mit Argwohn. Vielmehr wünscht er sich den Friedhof als einen Ort, an dem Menschen sich wohlfühlen, zur Ruhe kommen können, ihre verstorbenen Mitmenschen besuchen, die Natur genießen. "Leben und Tod kommen mir hier unheimlich nah vor", sagt Süß. Es ist still, nur ein Martinshorn ist in der Ferne hörbar. "Vielleicht beerdige ich den nächste Woche", sagt Süß.

Quelle: RP
 
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