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Düsseltal
Ein Meter, gerade gewachsen, duftend

Düsseltal: Ein Meter, gerade gewachsen, duftend
FOTO: Torsten Thissen
Düsseltal. Seit 1949 gibt es Weihnachtsbäume aus dem Sauerland in Düsseltal zu kaufen. Dorit Schaffeld ist eine besonders treue Kundin - und hat ihren 50. Baum nun umsonst bekommen. Von Torsten Thissen

Dorit Schaffeld hat natürlich auch Rituale zu Weihnachten. Da ist zum Beispiel ihr Heringssalat, den sie und ihr Mann immer essen. Heiligabend gibt es Filetsteaks, am ersten und zweiten Feiertag immer Wild. Früher gab es Geflügel, weil ihre Schwiegermutter das so gerne aß, doch nicht mehr, seit sie verstorben ist. Sie und ihr Mann verbringen die Feiertage zuhause, immer schon, und immer schon stand im Wohnzimmer in der Ecke ein Weihnachtsbaum, den sie ein paar Tage zuvor gekauft hatten. Tanne oder Fichte, auf einem kleinen Tischchen, geschmückt mit roten und goldenen Kugeln, mit Strohsternen, und auf der Spitze sitzt ein Engel aus Goldpapier, den ihr Sohn aus dem Kindergarten mitbrachte. Der Engel musste mal geflickt werden, aber wie das so ist mit Bastelarbeiten von Kindern: Zunächst sind sie den Kindern wichtig und den Eltern weniger, mit der Zeit dreht sich das. Dorit Schaffeld ist 75 Jahre alt, ihr Mann 83, der Sohn ist längst erwachsen.

Im Dezember 1967 hat Doris Schaffeld ihren ersten Weihnachtsbaum für die erste gemeinsame Wohnung am Weihnachtsbaumstand in Düsseltal gekauft. Der Stand ist in der Zwischenzeit einmal vom Brehmplatz an den Schillerplatz umgezogen, einmal wechselte der Betreiber, aber Frau Schaffeld blieb den Bäumen aus dem Sauerland immer treu. 50 Jahre lang, "beinahe ein ganzes Leben", sagt sie.

In den letzten 27 Jahren hat sie ihren Weihnachtsbaum bei Ferdinand Kathol gekauft. Er betreibt den Stand am Schillerplatz, hat ihn von seinem Nachbarn übernommen, der 1949 damit angefangen hatte. Kathol trägt wasserdichtes Grün, eine Fellmütze, Handschuhe. Aus einer aufgeschnittenen Gasflasche, die er zu einem kleinen Ofen umfunktioniert hat, kommt ein wenig Wärme nur und viel Rauch. Frau Schaffeld ist Stammkundin, "90 Prozent der Leute hier sind Stammkunden", sagt Kathol, gelernter Forstwirt mit 15 Hektar in Finnentrop. Hier wachsen die Düsseltaler Weihnachtsbäume, Nordmann-, Nobilis-Tannen und Fichten. Früher hat Kathol um die 1000 Weihnachtsbäume verkauft, heute noch 400, was einfach daran liegt, dass die Konkurrenz durch Bau- und Supermärkte größer geworden ist, sagt er.

Seine Bäume, seien natürlich frischer als die dort angebotenen, sie hielten länger und außerdem kümmere er sich eben auch um seinen Wald. Er stellt zum Beispiel Meisenkästen auf, 59 Stück, und alle sind jedes Jahr bewohnt, sagt er. Auch Goldhähnchen brüten in seinen Bäumen, kleine Vögel, die relativ selten sind. Kathol impft den Waldboden zudem mit Pilzen, damit die Bäume gut mit Wasser und Nährstoffen versorgt werden. Kathol hat Fotos davon, die er gerne seinen Kunden zeigt. So stehen seine Bäume nicht dicht an dicht in geraden Reihen, es bleibt ihnen Platz, sich zu entfalten. Pilze wachsen zwischen und unter ihnen. Viele Bäume lässt er groß werden, da er neben dem Weihnachtsbaumgeschäft auch fürs Sägewerk produziert. Den Weihnachtsbäumen kommt das zu Gute, da sie im Schutz der größeren Bäume später im Jahr neue Triebe ausbilden, die dann nicht mehr vom Nachtfrost geschädigt werden können. Frau Schaffelds Baum zum Beispiel ist ein Meter groß, gerade gewachsen, duftend.

Es war ihr immer wichtig, einen Baum zu haben, sagt sie. Schon in ihrer Familie und der ihres Mannes war der Weihnachtsbaum obligatorisch, und so haben sie es eben auch gehalten, als sie 1967 zusammengezogen sind, damals erst verlobt, geheiratet haben sie im Frühjahr 1968. "Bei uns ist es leicht: 66 haben wir uns kennengelernt, 67 sind wir zusammengezogen, 68 haben wir geheiratet, 69 ist unser Sohn geboren", sagt sie. Gerade zu Anfang sei ganz schön was los gewesen bei ihnen.

Gearbeitet hat Frau Schaffeld als Friseurin, ihr Mann war zunächst Dreher, musste aber nach einem Unfall, bei dem er die Finger an einer Hand verlor, umschulen. So wurde er Maschinenbautechniker und arbeitete danach in einem Ingenieurbüro. Inzwischen sind beide Rentner, der Sohn kommt an Heiligabend mit seiner Freundin zum Essen, dann ist der Baum mit LED-Lichtern geschmückt. Ganz zu Anfang hatten sie noch echte Kerzen, die man nur an Heiligabend und zu Silvester anzündete, "aber heute brennt der Baum ja jeden Tag".

Der Schmuck allerdings ist derselbe, "seit 50 Jahren", sagt sie. Frau Schaffeld wird nun doch ein bisschen sentimental, was auch Ferdinand Kathol nicht verhindern kann. Es ist bald Weihnachten, es ist ihr 50. Baum, da ist das eben so. "Wir sind ja in der letzten Kurve, wenn man so will", sagt sie. Ihr Mann hat Herzprobleme, und von dem Stammtisch, den sie früher an der Brehmstraße regelmäßig besucht haben, sind nur noch wenige Teilnehmer am Leben.

Um die Stimmung ein bisschen zu heben, erzählt Kathol von einer Nachbarin, auf deren Beerdigung er letztlich war. 108 Jahre alt sei die geworden, "und mit 102 hat sie noch für die ganze Familie gekocht", sagt er. Frau Schaffeld nickt, aber Kathol muss weiter, es warten auch schon andere Kunden, bepackt mit Tüten, die sich einen Baum aussuchen wollen. Herr Kathol arbeitet schließlich hier, jeden Tag, noch bis zum 23. Dezember.

Auch Frau Schaffeld muss nun gehen, es regnet, und so kommt es dann auch zu dem Satz, der am Baumstand von Ferdinand Kathol am häufigsten fällt: "Na dann bis zum nächsten Jahr und frohe Feiertage!" Den Baum hat Kathol seiner Kundin in diesem Jahr übrigens geschenkt. Eigentlich sollte er 23 Euro kosten.

Quelle: RP
 
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