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Eller
Genug gepredigt

Eller. Dietmar Silbersiepe verabschiedet sich nach 28 Jahren als Pfarrer in Eller in den Ruhestand. Er braucht jetzt erst einmal ein wenig Abstand von seiner Gemeinde, denn leicht fällt ihm das alles nicht. Er zieht eine positive Bilanz. Von Torsten Thissen

Das Problem einer solch langen Zeit als Pfarrer in einer Gemeinde, ist das Gleiche wie bei anderen Menschen, die so lange Zeit an gleicher Stelle sind. Da ist die evangelische Kirche keine Ausnahme: Ja, es besteht die Gefahr, betriebsblind zu werden, und doch, redet man mit den Gemeindemitgliedern, ist Dietmar Silbersiepe es nie geworden. Er hat nie den Blick für Dinge verloren, die man verbessern kann, und vor allem, er hat sich immer Zeit für die Mitglieder seiner Gemeinde genommen. Für Silbersiepe gehört das natürlich zur Stellenbeschreibung, aber eine Selbstverständlichkeit ist das dennoch nicht.

Nach 28 Jahren als Pfarrer in der Eller Schlosskirche hört Silbersiepe nun auf. Einmal hatte er ein Angebot in dieser Zeit, das ihn wirklich gereizt hätte, eine Stelle in Bremen, doch weil seine Frau als Zahnärztin an Düsseldorf gebunden ist, hätte er eine Fernbeziehung in Kauf nehmen müssen. Das wollte er nicht. Er blieb. Am Sonntag um 11 Uhr verabschiedet die Gemeinde ihn in einem Gottesdienst mit Superintendentin Henrike Tetz in der Schlosskirche. Danach lädt das Presbyterium noch zu einem Empfang, dann ist es vorbei. Leider, sagen alle Beteiligten, denn Silbersiepe hat die Gemeinde geprägt. Und damit auch ein stückweit das Leben in Eller. Er hofft, dass alles ein bisschen so bleibt, wie es war. Doch sicher ist das naturgemäß nicht, zumal die Kirche in Eller vor ereignisreichen Zeiten steht. Ohne ihn.

Als Silbersiepe nach Eller kam, fand er eine Gemeinde vor, die eher konservativ eingestellt war. Silbersiepe krempelte sie nicht um, er nahm sie mit, förderte hier, forderte dort und gemeinsam mit ihm veränderte sich die Gemeinde allmählich. Musikalisch etwa. Silbersiepe ist davon überzeugt, dass die Begeisterung für moderne Kirchenmusik auch von seinem Nachfolger geteilt werden muss. "Es gibt dieses Bedürfnis in der Gemeinde und das will man auch nicht ändern", sagt er.

Dass ein neuer Pfarrer auch zu gesellschaftlich relevanten Themen etwas zu sagen haben muss, versteht sich von selbst. Silbersiepe hielt seine Meinung nie zurück, Missstände wie etwa Fremdenfeindlichkeit oder Armut sprach er nicht nur an, sondern versuchte - mit Unterstützung seiner Gemeinde - sie abzustellen. So unterstützt die Gemeinde tatkräftig die Partnerschaft des Kirchenkreises mit Namibia. Und sie setzt sich für den Frieden ein. Während des ersten Golfkriegs beispielsweise hielten evangelische Christen einmal wöchentlich schweigend eine Mahnwache für den Frieden auf dem Gertrudisplatz. Immer wieder gab es Zeiten, wie nach dem 11. September 2001, dem Bosnienkrieg, dem Krieg in Afghanistan oder den Amokläufen von Erfurt und Winnenden, in denen die Kirche beim Friedensgebet freitags mit vielen Menschen gefüllt war. Aber auch in den übrigen Zeiten gab es immer eine Gruppe von "Treuen", die sich - bis heute - jeden Freitag um 18.30 Uhr zusammenkommt, um für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung zu beten.

Silbersiepe ist stolz auf seine Gemeinde. Auch ihm ist es zu verdanken, dass sich die rechte Szene in Eller nicht festsetzen konnte. Als etwa die Schlosskirche mit "Tod dem Judengott, Heil Satan..." Anfang der 2000er Jahre beschmiert war, als Rechte versuchten, sich in Eller festzusetzen, predigte er gegen sie. Er war auch Initiator, als die Gemeinde ihre Rolle in der Nazizeit aufarbeitete. In den Jahren 1935 bis 1945 gab es neben der offiziellen Ev. Kirchengemeinde Eller (in der Schlosskirche hingen Hakenkreuzfahnen) eine zweite evangelische Gemeinde (Bekennende Kirche) in einem umgebauten ehemaligen Pferdestall auf der Ellerkirchstraße.

Wichtig waren Silbersiepe auch immer die offenen Angebote seiner Kirche. Dazu gehören das Bistro im Seitenschiff der Schlosskirche vier bis fünf Mal im Jahr am Freitagabend und das Gospel-Café in der Vorhalle der Kirche. Begleitet wurden die offenen Angebote auch immer von einem Glaubenskurs. Im vergangenen Jahr etwa hieß der "Perlen des Glaubens" und richtete sich an alle, die mehr über Gott erfahren und sich mit ihrem Glauben auseinandersetzen wollten. Diese Kurse eignen sich für Menschen, die auf der Suche sind und prüfen wollen, ob der christliche Glaube eine gute Grundlage für ihr Leben sein kann.

Silbersiepe will nach seinem Abschied mehr Sport treiben, vor allem Wassersport, gemeinsam mit seiner Frau wird man ihn wohl öfter in Holland an der Küste treffen. Freunde und Bekannte bleiben ihm in Eller erhalten, glaubt er. Obwohl er weggezogen ist. Um ein wenig Abstand zu gewinnen.

Quelle: RP
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