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Eller/Unterrath
Hinter der Tür lauert die Einsamkeit

Eller/Unterrath: Hinter der Tür lauert die Einsamkeit
Daniel Stumpe und Marieke Schmale mit dem "Kopf" von Vision:teilen, Bruder Peter Amendt (M.). Die franziskanische "Initiative gegen Armut und Not" hat ihren Sitz an der Schirmerstraße 27. FOTO: Marc Ingel
Eller/Unterrath. Die franziskanische Initiative Vision:teilen kümmert sich mit dem Projekt "Hallo Nachbar" um Senioren, Kranke, Arme. 40 Ehrenamtliche konnten in den vergangenen vier Jahren 150 Menschen in vielen Situationen unterstützen. Von Marc Ingel

Es ist keineswegs so, dass nur verwitwete Senioren unter Einsamkeit leiden, betont Marieke Schmale. "Auch Menschen, die psychisch oder körperlich krank, die in eine Lebenskrise, etwa durch plötzliche Arbeitslosigkeit, geraten sind, rutschen bisweilen in die Isolation", sagt die Sozialarbeiterin, die bei der franziskanischen Initiative Vision:teilen das Projekt "Hallo Nachbar" leitet. "Früher, da wurden diese Betroffenen durch die eigene Familie aufgefangen, durch Nachbarn, Freunde, auf dem Land vielleicht sogar durch Ordensschwestern. Heute, in der Anonymität der Großstadt, ist oft niemand mehr da, fallen diese Leute gar nicht weiter auf. Erst wenn die Polizei plötzlich im Hausflur steht", ergänzt Büroleiter Daniel Stumpe.

Um diese Personen kümmern sich seit knapp vier Jahren mittlerweile 40 Ehrenamtliche, deren Einsatz Marieke Schmale koordiniert, seit acht Monaten auf einer vollen Stelle. "Wir bieten keine Pflege an, helfen aber bei den ersten Schritten, wenn diese benötigt wird. Wir helfen bei Anträgen, Behördengängen, Einkäufen oder persönlichen Einschränkungen. Manchmal ist aber auch nur jemand gefragt, der zuhört, mit einem spazieren geht, Zeit investiert", erklärt Schmale. Mehr als 150 "Nachbarn" konnte so in den vergangenen vier Jahren geholfen werden. Einige der Ehrenamtler kümmern sich nur um einen bestimmten Schützling, andere um mehrere Personen, vom Studenten bis zum Rentner ist alles dabei, unterstreicht Stumpe.

Schmale schult die Freiwilligen, knüpft auch immer den ersten Kontakt, denn für die unmittelbar Betroffenen ist es nicht immer so einfach, die Scham zu überwinden und einzugestehen, dass man einsam ist, Hilfe benötigt, dringend einen Gesprächspartner sucht. Die vermittelten Kontakte sind dann nicht selten so eng, dass auch nach einem Umzug ins Heim die Besuche der Begleitperson anhalten. "Im Optimalfall sind wir am Ende überflüssig und der zuvor vereinsamte Mensch kommt wieder alleine zurecht", so Schmale.

Freunde, Angehörige, natürlich Nachbarn machen die Projektleiterin auf Hilfsbedürftige aufmerksam, auch Ärzte, Apotheker und Physiotherapeuten sind Tippgeber. Die Einsatzschwerpunkte liegen in Derendorf/Pempelfort, aber auch in Eller/Lierenfeld oder Unterrath. "Letztlich versuchen wir, ganz Düsseldorf abzudecken", sagt Stumpe, der von erschreckenden Beispielen zu berichten weiß: Menschen, die seit mehr als drei Jahren nicht mehr ihre Wohnung verlassen haben und auf einmal einschränkend sagen: "Stimmt gar nicht, vor zwei Jahren war ich ja mal beim Arzt."

Die Dunkelziffer ist selbstredend hoch, "wir können nicht alles erreichen", bedauert Marieke Schmale, die zum Beispiel von Statistiken weiß, dass ungefähr 8000 beim Amt gemeldete Senioren von Altersarmut betroffen sind. Dass die angebotene Hilfe ausgeschlagen wird, ist jedenfalls selten, "das sind allenfalls fünf Prozent. Häufig sagen diese Menschen auch, es sei gut, zu wissen, an wen man sich wenden könne, wenn es alleine nicht mehr geht", erzählt die Sozialarbeiterin.

Neue Ehrenamtler werden immer gesucht, bestätigt Stumpe, "denn Rentner etwa, die sich engagieren, sind ja in der Regel irgendwann selbst nicht mehr in der Lage, sich um andere zu kümmern". Und das Problem der Isolation in den eigenen vier Wänden wird in Zukunft bestimmt nicht kleiner.

Quelle: RP
 
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