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Flingern
Das kontroverse Kleidungsstück

Flingern: Das kontroverse Kleidungsstück
Seit 13 Jahren betreibt Holger Nies einen Korsett-Laden an der Dorotheenstraße. FOTO: andreas bretz
Flingern. Bei "Flingern rollt den roten Teppich aus" öffneten am Donnerstag viele Geschäfte ihre Türen. Dabei auch "Mi camino", der Laden mit Korsetts für sie und ihn. Inhaber Holger Nies widerlegt einige Vorurteile gegen das Kleidungsstück. Von Lea Hensen

Ein bisschen sieht der kleine Laden aus wie ein Atelier aus einer anderen Zeit. Rote und schwarze Seide, Spitze und Rüschen zieren die stramm geschnürten Wespentaillen der Schneiderbüsten aus Draht. An den Wänden teils erotische Motive, aber auch das einer Fußballerin mit tailliert geschnürtem Trikot. Für die Sanduhr-Form ihres Oberkörpers sollen die Damen des 19. Jahrhunderts reihenweise in Ohnmacht gefallen sein. Kaum ein anderes Kleidungsstück weckt wohl so kontroverse Bilder wie das Korsett.

Zu Unrecht, sagt Holger Nies. Vor 13 Jahren hat er mit seiner Frau Gertie Schellscheidt das bis heute einzige Korsettfachgeschäft in Düsseldorf eröffnet. Viele Vorurteile gegen das Kleidungsstück werden hier kontrastiert: Wer ausschließlich Fetisch-Modelle, Dessous, historische Kostüme oder burlesquen Stil erwartet, liegt falsch.

"Mi camino" verkauft das Korsett als elegantes, modernes Oberteil, handgefertigt, maßgeschneidert, in unterschiedlichen Formen, Farben, Mustern und Stoffen. "Der Kunde erhält bei uns ein echtes Unikat", sagt Nies. Und macht dafür eine echte Investition: Die Anfertigung nach Körperproportion kostet 400 Euro aufwärts.

Das zum Beispiel unterscheide ein Korsett von der kostengünstigeren Corsage, die lockerer sitzt und weniger formt, erklärt der 53-Jährige. Die feste Schnürung des klassischen und hochwertigeren Korsetts erfordere eine besondere Passgenauigkeit. Um ihr Modell zu finden, kämen die Kunden deswegen selten spontan, sondern gezielt in den Laden. "Das ist eben kein T-Shirt-Kauf, sondern erfordert etwas Geduld", sagt Nies. Und extra Unterricht in der richtigen Schnürtechnik. Denn eine wohlgeformte Silhouette habe nichts mit gesundheitlichen Risiken zu tun. "Ein Korsett sollte wie ein guter Freund sein, der einen im Arm hält", sagt Nies. Extremes Engschnüren, gar um den Taillenumfang schrittweise zu verkleinern - damit habe seine Kundschaft nichts am Hut.

Die sei ohnehin sehr heterogen. "Ganz normale, nicht kategorisierbare Menschen zwischen 30 und 50 Jahre", sagt Nies. Nur ein kleiner Teil ließe sich einer bestimmten Richtung, wie der Gothic-Kultur, zuordnen. "Deren Anhänger sind ja noch vergleichsweise jung. Unsere Anfertigungen sind für sie wahrscheinlich zu teuer und exquisit", sagt er. "Die meisten Kunden wollen einfach etwas Neues wagen und ihre Körperformen modellieren. Zum Beispiel nach einer Schwangerschaft."

Und das Korsett "für ihn"? Nies ist selbst Korsett-Träger, ein Bandscheiben-Vorfall mit orthopädischem Korsett als Therapie-Maßnahme habe ihn auf den Geschmack gebracht, sagt er. Richtig geschnürt und getragen verleihe das Kleidungsstück eine nahezu königliche Haltung, von der zum Beispiel Opernsänger für ihr Gesangsvolumen profitierten. "Und das verbessert dann auch den Gesamteindruck und die Ausstrahlung", sagt Nies. "So wird das Korsett entgegen aller Vorurteile zu einer selbstbestimmten Sache." Die eben nicht nur Frauen gefällt. "Fünf Prozent meiner Kundschaft ist männlich. Die kommen nicht ausschließlich aus dem Transgender-Bereich", sagt er. "Mi camino" verkaufe darum auch Korsetts in klassisch männlichem V-Schnitt, der weniger Taille modelliert.

"Beim ersten Kauf sind die Kunden noch unbedarft. Später haben sie gleich mehrere Korsetts im Schrank", sagt Nies. Daher habe der Laden auch seinen Namen: "Mi camino" - "Mein Weg".

Quelle: RP
 
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