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Flingern
Die Wiederentdeckung des Bilderbuchs

Flingern. Karin Gruß hat zusammen mit Illustrator Tobias Krejtschi ein Buch über Würde geschaffen. Von Marc Ingel

Ein Mann sammelt Pfandflaschen aus dem Abfalleimer; ein Mädchen postet ein Bikini-Foto einer Klassenkameradin auf seinem Smartphone; ein ärmlich gekleideter Mann muss im Restaurant lange vergeblich darauf warten, bedient zu werden.

Es sind Alltagsszenen wie diese, denen ein jeder von uns sich in schöner Regelmäßigkeit ausgesetzt sieht. Und die eine immer wiederkehrende Frage aufwerfen: Was WÜRDEst du tun? So hat Karin Gruß auch das Bilderbuch betitelt, das sie zusammen mit Illustrator Tobias Krejtschi erstellt hat. Dass ein Wort besonders heraussticht, ist natürlich bewusst gewählt, denn darum geht's: Um die Würde des Menschen, und wie schnell sie verletzt werden kann. Durch Unachtsamkeit, Vorurteile oder Respektlosigkeit. Der Täter wird dabei in der nächsten Szene zum Opfer, das bringt der Alltag einfach so mit sich.

Es sind auch Alltagsszenen, die Karin Gruß zum Schreiben inspirieren. Als Flüchtlingshelferin in Flingern hatte die ehemalige Realschullehrerin so eine Begegnung: Eine Frau, die dringend Bettwäsche benötigte, aber wählerisch nicht alles annahm. "Darf man das, etwas ablehnen, obwohl man doch eigentlich nichts mehr hat?", ertappte sich Gruß bei einer Frage, die sie letztlich zu dem Projekt mit Krejtschi führte. Es hat sich gelohnt: Das Bilderbuch erhielt auf der Frankfurter Buchmesse den Global Illustration Award in Gold.

Es ist bereits die zweite Zusammenarbeit mit dem Illustrator aus Hamburg, die erste war ähnlich erfolgreich: "Ein roter Schuh" thematisiert auf einfühlsame Weise das Schicksal eines Jungen, der im Gaza-Streifen lebt. Karin Gruß hat nach ihrer Zeit als Deutschlehrerin viele Jahre als Lektorin für einen renommierten Verlag gearbeitet, hat dabei auch schon Mal im Rahmen einer Rezension ein Janosch-Buch zerrissen. "Er hat es ziemlich souverän geschluckt", berichtet sie amüsiert von einer späteren Begegnung.

Seit sieben Jahren ist Gruß als Beraterin für Kinder- und Jugendliteratur selbstständig, kümmert sich vor allem um den Illustratoren-Nachwuchs. Die große Verfechterin des politischen Bilderbuchs kann aber auch dem Drang nicht widerstehen, selbst zu schreiben. Dabei sind ihre Bilderbücher einem didaktischen Konzept folgend zum einen an Kinder, vor allem an Schüler gerichtet, "denn diese erfahren keinen Schutz, indem man ihnen Wichtiges vorenthält". Aber auch Erwachsene werden sich auf den Seiten wiederfinden und ihr Verständnis von der Würde des Menschen zwangsläufig hinterfragen.

Was Autor wie Illustrator gefreut hat: "Der Verlag hat uns freie Hand gelassen, uns keine Regieanweisungen mit auf den Weg gegeben", berichtet Karin Gruß, "das ist eher ungewöhnlich". Jede Woche hätten sie während des Entstehungsprozesses mindestens eine Stunde telefoniert, sich ausgetauscht, die Figuren und die Reihenfolge der Szenen festgelegt, Skizzen geschickt und so trotz der räumlichen Entfernung gemeinsam an dem Buch gearbeitet. Persönlich getroffen haben sie sich nicht ein einziges Mal. "Wir vertrauen uns", sagt die Mutter von drei Kindern, der trotz der Absicht, zu sensibilisieren, zum Teil auch wachzurütteln, wichtig ist, "eine Geschichte nie über den erhobenen Zeigefinger zu erzählen".

Das Bilderbuch stellt für Karin Gruß eine fast schon ideale Grundlage dar, bei komplexen Themen und Fragestellungen eine Diskussion in Gang zu setzen, gerade in einer Schulklasse. Dass ihre Bücher inzwischen Eingang in den Unterricht finden und sie selbst wieder vor einer Klasse steht, "das ist für mich wie ein riesiges Geschenk".

Quelle: RP
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