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Flingern
Schicht im Schacht

Flingern: Schicht im Schacht
Die Fotografen Wolf R. Ussler (l.) und Thomas Stelzmann erzählen mit der Kamera die Geschichte ehemaliger Bergleute. FOTO: ANDREAS BRETZ
Flingern. Ein Fotoprojekt der Düsseldorfer Fotografen Wolf R. Ussler und Thomas Stelzmann dokumentiert das Ende des Steinkohlebergbaus und erzählt die Geschichte ehemaliger Bergleute im Ruhrgebiet. Von Sven André Dreyer

Es ist eine andere Welt: schwere Maschinen, ohrenbetäubender Lärm und dunkler, feiner Staub. Und das Ganze tief unter der Erde. Der Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet hat über Generationen nicht nur das Landschaftsbild der Region geprägt, auch die Menschen des Potts verwuchsen zu einer eingeschworenen Gemeinde, lebten über und unter der Erde traditionelle Werte. Verantwortung, Vertrauen und Aufrichtigkeit - es waren die grundlegenden Tugenden, die die Arbeit unter Tage prägten und zugleich zu einer Art Lebensversicherung für jeden Bergmann wurden.

Bereits seit Januar 2007 gilt der Ausstieg aus dem subventionierten Steinkohlenbergbau für das Jahr 2018, vereinbart zwischen den Landes- und der Bundesregierung, als beschlossen. Für viele Menschen bedeutete und bedeutet das ein berufliches Aus, für das gesamte Ruhrgebiet das Ende einer Ära. Die Brisanz des Themas spaltet und eint das Ruhrgebiet bis heute, und im Zentrum steht dabei stets der Mensch, der Bergmann, der Kumpel.

Dem haben, ohne politische Wertung der Zechenschließungen, die Düsseldorfer Fotografen Wolf R. Ussler (58) und Thomas Stelzmann (40) in den vergangenen vier Jahren fotografisch nachgespürt. Für ihr Fotoprojekt "Keine Kohle mehr" holten die Fotografen 51 ehemalige Bergleute auf den Boden ihrer einstigen Wirkungsstätten zurück und setzten sie dort in Szene, wo das Zentrum ihres beruflichen Lebens lag: in der Pütt. Die Bergleute schlüpften für die Aufnahmen in Rollen, die prägende Tätigkeiten aus ihrem einstigen Berufs- oder heutigen Privatleben darstellen. Und in jeder der Schwarzweiß-Kompositionen erzählen Stelzmann und Ussler ein Stück persönlicher Geschichte, offenbaren, was das Leben jedes Porträtierten geprägt, und diesem oft einen Sinn gegeben hat.

"Die Fotos sind eine Hommage an die Menschen, die mit ihrer Arbeit eine wesentliche Grundlage für das Wirtschaftswunder im Nachkriegsdeutschland schufen", erklärt Ussler, "an die Bergarbeiter und ihre Familien, die mit ihrer Mentalität und ihrem Arbeitsethos über Jahrzehnte sozial, kulturell, wirtschaftlich aber auch politisch das Ruhrgebiet prägten." Grundlage der Fotografien sind die Essenzen der Lebensgeschichten, die die Fotografen in vorausgegangenen Interviews zusammengetragen und analysiert haben. Oftmals arbeiteten die Fotografen dabei gegen die Zeit: Manche Fotos entstanden unmittelbar vor oder während des Abrisses eines Bergwerks. Buchstäblich in letzter Minute wurden hier zwischen Abrissmaschinen und Schaufelbaggern die letzten Bilder eines Arbeitsplatzes gemacht, an dem einst tausende Menschen tätig waren. "Vorsichtig geschätzt, sind wir für das Projekt rund 18.000 Kilometer gefahren", erzählt Stelzmann, der mit den Fotografien nicht allein dokumentieren, und die Erinnerung an eine nahezu vergangene Industriekultur bewahren helfen will. "Das Projekt soll auch den strukturellen Wandel der einstigen Zechenlandschaft vermitteln."

Erste Fotografien zeigten sie bereits im Rahmen der Nacht der Museen 2014 im Landtag NRW, eine umfassende Sonderausstellung im Bergbaumuseum Bochum folgte ein Jahr später. Nun ist aus den Fotografien und Interviews ein gleichnamiger Fotoband geworden, für dessen Vorwort die Fotografen Regisseur Sönke Wortmann gewinnen konnten. Dessen Vater war einst ebenfalls als Bergmann tätig. Die berührenden Fotografien des Bildbandes zeigen einfühlsam die Menschen und ihre Geschichten. Jedes der Bilder enthalte dabei vier Komponenten, erklären die Fotografen. "Den Menschen, einen Ort, die Vergangenheit und die Gegenwart." Was indes die Zukunft bringen wird, bleibt abzuwarten.

Quelle: RP
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