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Friedrichstadt
"Eine Kneipe ist ein Mikrokosmos"

Friedrichstadt: "Eine Kneipe ist ein Mikrokosmos"
Die drei "Mädchen für alles" (v.l.) Michael Thoms, Gabi Hammelstein und Guido Wellerdick hinter der Theke der Rock-Kneipe "Die Blende" FOTO: Sebastian Esch
Friedrichstadt. Seit mehr als 40 Jahren gibt es "Die Blende" in Friedrichstadt. Sie ist eine typische 80er-Rock-Kneipe. Viele gibt es davon nicht mehr. Von Sebastian Esch

Draußen flackert eine Neonleuchtschrift. Drinnen fliegen Pfeile durch die Luft, Kugeln schlagen aneinander - Darts- und Billardgeräusche. Im Hintergrund laufen leise die Toten Hosen - was auch sonst? Dazu der Geruch von Holzmöbeln, etwas Rauch und natürlich Bier. Die typische Kneipenatmosphäre aus den 1980ern würden manche behaupten - dafür steht die Rock-Kneipe "Die Blende" seit 40 Jahren.

Für die heutige Zeit ein stolzes Alter. Das Kneipen-Business ist nicht mehr so sorglos wie es war - aus verschiedenen Gründen, erklärt Gabi Hammelstein. "Die jungen Menschen sind sehr schnelllebig, das ist nicht mehr wie in den 1980ern." Sie arbeitet hier seit 35 Jahren. Und auch Michael Thoms (knapp 15 Jahre) sowie Guido Wellerdick (zehn Jahre) gehören schon zum Inventar in der Blende. "Heute muss man sich immer neu erfinden. Das fängt bei Angeboten wie Sky an, aber auch Kontakt zur Uni ist wichtig", sagt Wellerdick. Ein weiterer Vorteil sind Billard- und ein Dartsvereine, die hier ihre Spiele austragen. Über fehlende junge Menschen könne man sich daher nicht beklagen. "Allgemein haben wir hier Gäste aller Nationalitäten von 20 bis 70 Jahren", sagt Thoms.

Ein kleines Problem hat die Blende aber trotzdem. "Unsere Gäste sind zu 80 bis 90 Prozent Stammkunden", sagt Thoms. Das sei natürlich gut, neue Gesichter wären aber wichtig. "Wenn man seinen Arbeitskollegen erzählt", erläutert Stammgast Sven Herrmann, die Gründe aus seiner Sicht, "man wäre am Wochenende nur in einer Kneipe gewesen, dann ist das vielen Menschen peinlich." Es ginge um vorgegaukelte Individualität, jeder versuche jeden zu überbieten. "Andere haben Angst davor, dass sich hier 90 Prozent der Leute kennen. Das ist wie der neue in einer Schulklasse zu sein." Klaus Kremer, ebenfalls seit Jahrzehnten Stammgast, sieht weitere Probleme. "Heute zahlt man für ein Bier doppelt so viel wie in den 1980ern. Außerdem gab es keine Smartphones." In Kneipen hätte man sich getroffen.

Die Blende ist mit ihren Stammgästen sehr glücklich. Die vielen Jahre verbinden die Menschen. "Man kennt und hilft sich", erklärt Thoms. Unter den Gästen seien beispielsweise Anwälte, Handwerker und Ärzte. Für viele Probleme ist direkt ein Ansprechpartner da. "Eine Kneipe ist ein Mikrokosmos", sagt Thoms.

Quelle: RP
 
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