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Düsseldorf-Friedrichstadt
Frau S. will nicht weg

Düsseldorf-Friedrichstadt: Frau S. will nicht weg
Der Weg ist beschwerlich: Thomas Hillebrand und Frau S. auf dem Weg zum Supermarkt. FOTO: Anne Orthen
Friedrichstadt. Sie kann nicht mehr richtig gehen, doch die 84-Jährige möchte ihre Wohnung unbedingt behalten. Dafür braucht sie aber Hilfe. Von Torsten Thissen

Wenn Thomas Hillebrand sich um 10 Uhr ankündigt, dann steht Frau S. um 9.50 Uhr in ihrem Flur und wartet. Die Jacke hat sie schon an, das Wägelchen, in dem sie ihre Einkäufe transportiert, steht bereit, der Rollator ebenfalls, Schlüssel und Portemonnaie sind verstaut, weil "die Zeit ja kostbar ist", sagt Frau S.

Sie kann nicht mehr alleine, seit sie dieses Missgeschick hatte. Umgekippt ist sie; einfach so sackten die Beine weg, und Frau S. musste durch ihr Wohnzimmer robben. Sie zog sich an der Lehne ihres Sofas hoch. Endlich saß sie, konnte Hilfe rufen, und als alles vorbei war, wusste sie nicht weiter. Frau S. lebt seit 1959 in dem Haus in der Corneliusstraße, damals war es sehr modern, mit Aufzug, Zentralheizung, richtig schick war es, auch wenn drumherum noch ein paar Kriegsruinen standen. Die verschwanden mit der Zeit.

Frau S. guckt oft auf die Uhr, wenn sie auf Thomas Hillebrand wartet, da ist noch ein bisschen Unsicherheit, obwohl Hillebrand sehr zuverlässig ist, wie Frau S. betont. Meistens kommt er freitags, sie sprechen sich immer ab.

Es geht nicht so schnell. Frau S. muss von Zeit zu Zeit eine Pause einlegen. Die Beine machen sonst nicht mit. FOTO: Anne Orthen (ort)

Schlimm ist es, wenn es regnet. Dann kann Frau S. nicht raus. Sie sitzt dann am Fenster und schaut auf die Straße, der Verkehr ist immer schlimmer geworden mit den Jahren, die Gegend hat sich verändert. Wo früher kleine, inhabergeführte Geschäfte waren, gibt es heute einen türkischen Imbiss und einen Laden für gebrauchte Smartphones und Elektronikkram. Nein, die Gegend ist nicht unbedingt besser geworden in den vergangenen Jahrzehnten. Und doch will Frau S. bleiben.

Es ist ihr Zuhause, 59 Quadratmeter, eine Schrankwand, die grifflose Küche, die sie in den 70-er Jahren neu hat einbauen lassen, afrikanische Masken an den Wänden. Die hat ihr Mann gesammelt. Der ist bereits seit mehr als 30 Jahren tot. Herzinfarkt. Das Paar hatte keine Kinder, Verwandtschaft gibt es auch nicht. Ihre Rente liegt bei rund 650 Euro, 240 Euro gehen an die Hausverwaltung, immerhin muss sie keine Miete zahlen, weil die Wohnung ihr Eigentum ist. Ihr Mann war 14 Jahre älter als sie, die 59 Quadratmeter sind sein Vermächtnis, "er wusste, dass er vor mir stirbt", sagt Frau S. Deshalb habe er vorgesorgt.

Sie wusste nicht, wie sie es anstellen sollte, nach ihrem Missgeschick. Am Anfang half ihr ein Nachbar, doch sie konnte ihm nicht immer zur Last fallen. Zum Glück hat ihr Arzt seine Praxis im Haus. Sie war schon bei dessen Vater Patientin. Doch auch er konnte nicht dafür sorgen, dass sie in eine Pflegestufe kam. Sie müsste also die Betreuung selbst zahlen, doch das Geld hat sie nicht. Eine Freundin gab ihr schließlich den Tipp beim 50 Plus Zentrum in Bilk anzurufen, eine Einrichtung der Caritas.

Thomas Hillebrand klingelt, Frau S. drückt den Türöffner. Hillebrand weiß, dass Frau S. auf ihn wartet. Er betreut noch ein ältere Dame in der Nachbarschaft. Und er weiß um die Probleme. Das sind ganz praktische, das Einkaufen zum Beispiel, fällt schwer, wenn man nicht mehr gut laufen kann, zumal die Wege eher länger als kürzer werden. Frau S. käme ohne ihn gar nicht aus dem Haus, doch natürlich ist auch seine Zeit begrenzt.

Doch das Rauskommen, das in seinem Quartier bleiben, hat noch einen anderen Aspekt. Frau S. ist geistig fit, sie liest viel, ist interessiert. Einmal war sie in einer "Seniorenresidenz" zu Besuch. Sie fand es furchtbar, und sie könnte es sich höchstens zwei bis drei Jahre leisten, wenn sie die Wohnung verkaufen würde. Danach wäre Frau S. ein Sozialfall. "Wenn ich wirklich nicht mehr hierbleiben kann, weiß ich, was ich machen muss", sagt Frau S. Sie klingt entschlossen, was sie sich vornimmt, zieht sie auch durch, sagt sie.

Hillebrand nimmt das Wägelchen, ob es schon Pflaumen gibt, fragt Frau S., sie will zu Mittag Pfannkuchen backen. Frau S. telefoniert viel, ein Treffen mit ihren Bekannten ist schwierig. Auch sie sind nicht mehr so mobil. Gerne hätte sie mehr Zeit mit Hillebrand, würde spazieren gehen, Leute treffen. Immerhin arbeitet Hillebrand von Oktober an als Vollzeitkraft bei der Caritas. Dann hat er vielleicht ein paar Stunden mehr für sie.

Quelle: RP
 
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