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Garath
"Wir sind der vergessene Stadtteil"

Garath. Bei der Mobilen Redaktion der Rheinischen Post im Einkaufszentrum Garath Süd-West diskutierten die Bürger gestern über die Schließung des Edeka-Ladens. Viele sind frustriert und ratlos. Größter Wunsch: die Nahversorgung erhalten. Von Ina Armbruster und Birgit Wanninger

Die Enttäuschung ist groß. Seit Dirk Hasler im Gespräch mit der Rheinischen Post offiziell bekannt gab, dass er seinen Edeka-Laden im Garather Einkaufszentrum Süd-West im Laufe des Jahres schließen wird, diskutieren die Anwohner, wenn sie einkaufen gehen, über nichts anderes mehr.

So auch gestern bei der Mobilen Redaktion der Rheinischen Post im Einkaufszentrum an der Ricarda-Huch-Straße. Die Resonanz war überwältigend. Viele Anwohner - und somit auch Kunden - waren gekommen, um ihren Ärger und ihren Frust zu äußern.

Fred Puck, Vorsitzender der Bürger- und Interessengemeinschaft Garath (BIG) und Ladenbesitzer gegenüber von Edeka, hat seit der Veröffentlichung in der RP immer wieder seinen Kunden Rede und Antwort gestanden, um ihnen die Situation zu erklären. Mit seinem Vorstandskollegen Günter Westenburger sammelt er Unterschriften für den Erhalt der Nebenzentren.

Monika Bendig ist sauer auf den Oberbürgermeister. Der zeige sich nur bei Prestige-Objekten, "und wir sind der vergessene Stadtteil." Harald Steinhöfel wohnt nur drei Minuten vom Einkaufszentrum entfernt. Er hat immer wieder gehört, dass Hasler schließen will. Für ihn sei es kein Problem, er sei mobil und könne mit dem Auto zum nächsten Geschäft fahren. Aber seine Nachbarin, eine ältere Dame, ist gehbehindert. "Die braucht fast eine halbe Stunde, um nach Hause zu kommen, weil sie immer wieder stehen bleiben muss. Wo soll sie denn künftig einkaufen?", fragt Steinhöfel. Ihn ärgert es, wie zahlreiche Bürger, dass es für den Edeka-Laden keinen Nachfolger gibt. Damit sei die Nahversorgung nicht mehr gewährleistet. Dem stimmt auch Petra Frey zu. Aber Dirk Hasler habe schließlich das Recht dazu, seinen Laden zu schließen, meint sie.

Der Geschäftsinhaber stellt sich nicht der Diskussion. Er sei sowieso der Buhmann und müsse sich schon genug beschimpfen lassen. Er wolle sich nicht zerfleischen lassen, sagt er Bezirksvertreterin Henja Pougin, die extra in das Geschäft ging, um den Inhaber zur Diskussion zu holen. Hermann Hummelberg kann sich dazu einen Kommentar nicht verkneifen: "Das ist eine Charaktersache, dass Herr Hasler nicht selber hier ist", und mehrere der Anwesenden nicken zustimmend.

Wie es in dem Viertel weiter geht, weiß so recht keiner. Gerüchten zufolge soll der Komplex sogar an die Caritas verkauft werden, um dort das Hildegardisheim neu zu bauen. Gertrud Horrig hatte unter anderem gehört, dass Schlipsträger schon irgendetwas ausgemessen hätten. "Wenn die Caritas dahin kommt, ist das Zentrum tot", sagt sie.

Wenn Hasler seinen Laden schließt, verschwindet in Garath zumindest der einzige Metzger. "Ich kaufe kein verpacktes Fleisch beim Discounter", sagt Marita Dorn. Dann müsse sie notgedrungen zum Edeka-Laden nach Hellerhof fahren. "Ich kann das noch. Ich bin mobil, aber die älteren Leute..."

Christine Schulz wohnt seit mehr als 30 Jahren in Garath und hat oft bei Edeka eingekauft. "Wenn der schließt, gibt es hier keinen Bäcker mehr", sagt sie. Das Einkaufscenter sei das letzte der vier Nebenzentren in Garath, das noch funktioniere, bei allen anderen herrsche viel Leerstand. "Ich bin sehr betrübt, dass Garath so den Bach runter geht." Das sieht Giesela Gotter ebenso: "Garath hat jetzt schon einen miserablen Ruf. Es wird alles dafür getan, dass er noch schlechter wird." Auch im größeren Einkaufszentrum stünden schon viele Geschäfte leer. Dabei sei der Stadtteil eigentlich sehr schön. Sie genieße zum Beispiel die Nähe zum Wald. Gotter ist eine von vielen Besuchern bei der Mobilen Redaktion, die vor allem die Informationspolitik kritisieren. "Die Bürger erfahren fast alle Neuigkeiten aus der Zeitung oder über Mund-zu-Mundpropaganda, aber nicht von offizieller Seite."

Die geplante Edeka-Schließung ist auch in der nahen Apotheke derzeit Gesprächsthema Nummer eins. Meike Grumbach arbeitet dort seit vielen Jahren: "Manchen Kunden stehen die Tränen in den Augen, wenn sie darüber reden", erzählt sie. Besonders für die vielen älteren Menschen sei die Schließung des Supermarktes eine Katastrophe. "Für jemanden, der am Stock oder am Rollator geht, macht es einen großen Unterschied, wenn er ein paar hundert Meter weiter zum Einkaufen gehen muss als vorher."

Zahlreiche Stadtteilpolitiker aller Coleur sind zur RP gekommen, darunter Bezirksvorsteher Uwe Sievers sowie Bezirksverwaltungschef Uwe Sandt. Doch Patenlösungen können sie nicht bieten. "Wir suchen nach Lösungen, um als Stadt unterstützend zu helfen", erklärt Sandt. Bezirksvertreter Peter Ries ist der Meinung: "Es wäre wichtig, dass sich alle Verantwortlichen mal an einen Runden Tisch zusammensetzen."

Eine Lösung gibt es bisher nicht, aber einige Vorschläge. Ingrid Werres, ehemaliges Mitglied des Seniorenrats, fordert: "Wir müssen eine Initiative oder eine Genossenschaft gründen." Wie es in vielen kleinen Gemeinden bereits der Fall ist. "Ich wäre sofort dabei", sagt Werres. Notfalls müsse man eben den älteren Mitbewohnern die Ware anliefern.

Quelle: RP
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