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Gerresheim
Eine Hommage an die Plastiktüte

Gerresheim. Sie ist verpönt, weil umweltschädlich und wird bald von der Bildfläche verschwunden sein. Grund genug, der Plastiktüte im Kulturbahnhof Gerresheim eine Ausstellung zu widmen. Denn sie ist auch ein Stück Kulturgut. Von Marc Ingel

Es war zu der Zeit, als es in Düsseldorf noch Schallplattenläden wie "Rock on", "Studio 33" oder "Disco one" gab. Als noch Geschäfte speziell für Popper wie der "Santana Jeans Club" an der Flinger Straße existierten. Oder der "Raphael Laden" in der Altstadt indische Gewänder verkaufte, als diese in Deutschland noch als merkwürdige Folklore-Mode galten. Und natürlich hatten all diese Geschäfte eigene Tüten, aus Plastik, mit mehr oder weniger kreativen Logos, selbst gestaltet. Das hat in den 70er und 80er Jahren niemanden gestört. Die Tüten waren willkommen als praktische Tragehilfe für eingekaufte Produkte, jedem war klar, dass sie bald im Müll landen würden. Heute ist das anders. Die Plastiktüte ist verpönt, sie schadet der Umwelt und ist in vielen Geschäften schon abgeschafft worden. Mittelfristig wird sie ganz von der Bildfläche verschwinden.

Es ist also an der Zeit, der Plastiktüte zu huldigen, denn auch wenn sie (zurecht!) ein ganz schlechtes Image verpasst bekommen hat, so ist sie doch ein Stück Kulturgut, das Geschichten von vergangenen Zeiten erzählt. Aus diesem Grund lädt Carsten Reinhard Schulz ab morgen zu einer Retro-Ausstellung in seinen Kulturbahnhof in Gerresheim ein, in der rund 100 (von insgesamt 650) Exponate aus der Sammlung von Jens Schacht gezeigt werden.

"Sie ist ein Werbe- und Imageträger. An der Türe sollen sich immer auch Einkommensklassen, Zugehörigkeitsgefühle und soziale Herkunft ablesen lassen. Darüber hinaus darf man nicht vergessen, dass sich natürlich stets viele kreative Köpfe mit der Gestaltung von Plastiktüten gerade großer Unternehmen beschäftigt haben, um unterbewusst Botschaften zu transportieren - auch wenn wir sie vielleicht nur als ein profanes Wegwerfprodukt ansehen", erzählt Schulz.

Doch allzu wissenschaftlich und gesellschaftskritisch will der Kurator die Ausstellung nicht verstanden wissen, es solle vor allem Spaß machen, sich mit Design und Slogans von vor 30 oder 40 Jahren zu beschäftigen.

So warb die Bäckereikette Bäko früher mit dem einprägsamen Spruch "Back' Dir Deine Zukunft" auf der Tüte. Die Deutsche Fernsehlotterie lockte mit dem noch allgegenwärtigen Appell "Mit 5 Mark sind Sie dabei" und versprach dafür "Einen Platz an der Sonne". Und die Supermarktkette Spar war scheinbar schon im vergangenen Jahrhundert ihrer Zeit voraus: Deren Plastiktüten seien nämlich ein Beitrag für die saubere Umwelt, heißt es in einer Fußnote, da sie - laut Spar-Vertrauensdeklaration, Punkt 3 - aus chlorfreiem Polyäthylen hergestellt sind, die bei der Verbrennung keinerlei giftige Abgase oder Rückstande hinterlasse.

"Wie dem auch sei lassen sich diese Plastiktüten auch als Bildträger oder in der Rückbetrachtung wichtige Objekte betrachten, die zum Teil von außergewöhnlicher Präsenz sind - und von einer nicht zu verkennenden ästhetischen Kraft", sagt Schulz.

Quelle: RP
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