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Gerresheim
Leben mit der Baustelle

Gerresheim: Leben mit der Baustelle
So sieht es auf der Benderstraße aus. Trotz umfassender Information und Vorbereitung war der Schock zunächst groß. Inzwischen ist der Baustellen-Alltag eingekehrt. FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Gerresheim. Seit zwei Wochen geht auf der Benderstraße in Gerresheim so gut wie nichts mehr. Anwohner versuchen, das Beste daraus zu machen. Von Marc Ingel

Seit zwei Wochen ist Gerresheim nicht mehr wiederzuerkennen. Baustellen bestimmen das Bild, auf der Gräulinger Straße, der Heyestraße und natürlich vor allem auf der Benderstraße. Bis Ende des Jahres macht die Rheinbahn die Einkaufsstraße fit für die neue Stadtbahnlinie U73, im Anschluss führt die Stadt noch bis mindestens Sommer 2016 weitere Straßenbauarbeiten durch. Die Folge: Lärm, Stau, Enge, Parkplatznot. In der Theorie wurden alle Anlieger und Geschäftsleute im Vorfeld informiert, in der Praxis war der Schock aber dennoch zunächst groß.

Doch siehe da: 14 Tage nachdem die ersten alten Gleise aus der Straße gerissen wurden, hat sich fast schon wieder so etwas wie Alltag eingestellt. Man arrangiert sich mit den Gegebenheiten, sucht sich zwischen den Absperrgittern Schlupflöcher, um Wege abzukürzen. In Rathausnähe wird an der roten Ampel noch gezweifelt, ob Gehen erlaubt ist, obwohl doch eigentlich gar kein Auto die Stelle passieren kann. Weiter oben stehen um die 100 Glasflaschen dort auf dem verbliebenen Stück Bürgersteig, wo bis vor kurzem noch die Glascontainer standen.

Vor einer Boutique haben sich die Verkäuferin und eine Kundin zwei kleine Stühlchen und ein Mini-Tischchen auf die Straße gestellt. Beide trinken Kaffee, rauchen eine Zigarette, während die Arbeiter mit schwerem Gerät in nur wenigen Metern Abstand die Erde aufreißen. Auch an den Schienenersatzverkehr haben sich die Gerresheimer mittlerweile anscheinend gewöhnt.

"Am ersten Abend haben die mal so richtig Gas gegeben, als die Schienen rausgerissen wurden. Ich hatte überraschend gutzutun, die einen konnten nicht schlafen, die anderen wollten nicht", beschreibt Melanie Pampus, Besitzerin der Traditionsgaststätte Neußer Thor am Anfang der Benderstraße, den kurzzeitigen Baustellen-Tourismus. Inzwischen habe sich alles ein wenig eingespielt, "ich kann mit den Bauarbeitern reden, wenn mir was vor der Tür nicht passt, dafür bekommen sie von mir nachts auch Kaffee." Nur an den Stau hat sie sich noch nicht gewöhnt. "Für den Weg zum Getränkehandel brauche ich sonst fünf Minuten mit dem Auto, jetzt 40."

Zweimal die Woche sitzt Renate Hammecke als Baustellen-Beauftragte für die Stadt im Gerresheimer Rathaus. Sie hat ein offenes Ohr für Sorgen und Nöte der Anwohner, beantwortet Mails ebenso wie Fragen am Telefon. "Ich hatte bisher nur gute Gespräche, keiner hat sich wirklich aufgeregt. Es geht in der Regel auch nur um Kleinigkeiten: Wo fahren die Busse ab, wo kann ich noch parken, wo sind auf einmal die Papierkörbe? Oft kommen Beschwerden auch zurecht, und mit einer Kleinigkeit kann man das wieder aus der Welt schaffen", erzählt die Anliegerbeauftragte, die sich 32 Jahre lang für die Stadt mit Straßenbau beschäftigt hat und inzwischen eigentlich Rentnerin ist. "Eine 80-jährige, gehbehinderte Dame habe ich auch schon mal in ihrem Auto zum Supermarkt gefahren, weil sie nicht mehr weiter wusste", blickt Hammecke schmunzelnd zurück.

Helga Schneider ist 70 Jahre alt, sie kann kein Verständnis für die Baustelle aufbringen: "Was war den falsch an der Linie 703, die hat doch wunderbar funktioniert. Jetzt dieser ganze Lärm, der Dreck und das noch mindestens ein ganzes Jahr. Ich glaube nicht, dass ich das aushalte", sagt sie und winkt ab.

Versöhnlichere Töne schlägt Giovanna Kraheck an. Die Vorsitzende des Vereins Benderstraße, dem Sprachrohr der Einzelhändler, lobt die Kooperationsbereitschaft der Rheinbahn. "Es gab natürlich gerade zu Beginn kleine Probleme: Nebenstraßen waren unnötig gesperrt, so dass sich der Verkehr staute. Die wenigen verbliebenen Parkplätze waren zugestellt. Aber wir haben Entgegenkommen gespürt, es wurde auf unsere Kritik reagiert." Insbesondere wenn die großen Filialläden angeliefert würden, könne es schon mal ziemlich eng werden, "aber das ist nun mal nicht zu ändern. Ansonsten wirkt die Baustelle gut aufgeräumt, und es ist täglich ein Vorankommen erkennbar", sagt die Besitzerin eines Modegeschäfts.

So etwas hört Bauleiter Ulrich Krüger natürlich gerne. "Wir bemühen uns wirklich aufrichtig, konstruktiven Hinweisen nachzugehen, tauschen uns ständig mit Polizei, der Stadt und auch den Lieferanten aus und versuchen, wenn möglich, zügig Abhilfe zu schaffen. Wir sind einfach angewiesen auf solche Hinweise des Einzelhandels und der Anwohner", sagt Krüger. Ansonsten liege die Rheinbahn mit ihren Arbeiten nahezu perfekt im Zeitplan. "Wir sehen jeden Tag eine Verbesserung. So soll es sein, und so wird es hoffentlich auch bleiben."

Quelle: RP
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