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Gerresheim
"Nehmt euch alle eine Ballettstange"

Gerresheim. Besonderer Tanzunterricht gestern Nachmittag im Gemeindesaal: Die älteste Schülerin mit Ballettschläppchen war 80. Von Semiha Ünlü

Eva-Maria Coenen musste zu Hause erst einmal lange nach ihren schwarzen Ballettschläppchen suchen. Fast 50 Jahre lang hatte die 74-Jährige ihre Schuhe nicht mehr gesehen und erst recht nicht gebraucht. "Wenn man drei Kinder und drei Enkelkinder bekommt, hat man nur wenig Zeit für sich selbst", sagt Coenen. Doch inzwischen sei das eben anders, trage sie nicht mehr so viel Verantwortung für andere. Und diese "Freiheit" genieße sie nun in vollen Zügen. Und deswegen lässt sie sich auch nicht lange bitten, als Tanzpädagogin Gabriele Chmiel-Lange sie und die anderen Tanzschülerinnen, von denen die jüngste 60 und die älteste 80 ist, zum Unterricht an der Ballettstange ruft.

Die Ballettstange ist allerdings eine Stuhllehne, denn es ist der Gemeindesaal an der Gerresheimer Gustav-Adolf-Kirche, der sich gestern Nachmittag für ein paar Stunden in einen Ballettraum verwandelt hat. "Unsere Füße stehen parallel zueinander", weist Gabriele Chmiel-Lange ihre Schülerinnen an. Während Klaviermusik von der CD zu hören ist, sollen sich die Schülerinnen langsam auf die Zehenspitzen stellen. "Bauch und Po anspannen", ruft Chmiel-Lange ihnen zu. Und dass sie sich für einen Moment auf dem höchsten Punkt halten sollen, auch wenn es schwer falle. "Und denkt an die Po-Muskeln: Tänzer, das wissen wir doch alle, haben den knackigsten Po." Und alle lachen.

Bärbel Schulze-Becking ist eine von ihnen. Mit 70 hat sie an ihrer ersten Ballettstunde teilgenommen, das war bei der Volkshochschule ein Kurs für Anfänger. "Ich war die Älteste", sagt die inzwischen 80-Jährige und lacht. Früher habe sie mit ihrem Mann beim Boston-Club getanzt. "Gesellschaftstänze", sagt sie. Als er dann starb, habe sie nach etwas Neuem gesucht, und nach etwas, das sie auch alleine machen könne.

Die Idee für einen Ballett- und Tanznachmittag für Menschen über 60 kommt Chmiel-Lange und Martina Krannich von der evangelischen Gemeinde Gerresheim eher zufällig: Die beiden Frauen - 68 und 59 - kennen sich vom Tanzsportclub Rot-Weiss, und beide haben Erfahrung im Unterricht von älteren Menschen, allerdings in unterschiedlichen Tänzen: Chmiel-Lange im Ballett, Krannich in Folkloretänzen. Gestern haben sie zum inzwischen dritten Mal beides zusammengeführt. "Das Interesse ist enorm", sagt Chmiel-Lange. Denn viele Seniorinnen würden gerne tanzen und sich fit halten wollen oder einfach eine Ablenkung suchen, und das am liebsten umgeben von Altersgenossinnen und wohnortnah. Und Ballett sei dafür ideal, findet die Tanzpädagogin, denn mit den Übungen zum Beispiel an der Stange und den Plié-Kniebeugen könne man Muskulatur aufbauen und stärken, Gelenke entlasten, Osteoporose vorbeugen.

Für Eva-Maria Coenen bedeutet Tanzen auch, den Alltag zu vergessen. "Beim Tanzen vergesse ich die Welt um mich herum", sagt sie.

Quelle: RP
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