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Gerresheim
Sorge um das Seelenheil

Gerresheim: Sorge um das Seelenheil
Pastor Jakob Schlecht (sitzend l.) und Heinrich Frieding (r.) mit Kirchenvorstand vor einem Modell zur Restaurierung der Kirche FOTO: Pfarrarchiv St. Margareta
Gerresheim. Peter Stegt hat die enge Verbindung von Industrie und Kirche im Gerresheim des 19. Jahrhunderts erforscht. Von Marc Ingel

Ohne das Geld von Unternehmern wäre die Kirche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kaum in der Lage gewesen, notwendige Renovierungen und die Ausstattung der Gotteshäuser in ausreichendem Maß durchzuführen. Das komplexe Wechselspiel zwischen Kapital und Klerus im Verlauf einer rasanten industriellen Entwicklung hat Peter Stegt am Beispiel von Gerresheim jetzt in einer umfassenden Dokumentation beleuchtet. Es ist die Fortführung der Ausstellung "Kirchturm und Schlot", die im Vorjahr Förderkreis Industriepfad, Bürgerstiftung Gerricus und der Kulturkreis Gerresheim gemeinsam im Kulturbahnhof organisiert hatten.

Stiftungen und Schenkungen wurden aus ganz unterschiedlichen Motiven getätigt. Basierend auf Luthers Lehre, der in der aktiven Jenseitsvorsorge aus Angst vor dem Fegefeuer allein eine Stärkung der päpstlichen Finanzen sah, war die evangelische Position eine völlig andere als die katholische. Das führte dazu, dass die 1878 errichtete evangelische Kirche in Gerresheim, gelinde gesagt, äußerst spärlich möbliert war. Soziale und karitative Spenden wie vom Drahtstifte-Fabrikanten Emil von Gahlen und dem Glashütten-Gründer Ferdinand Heye, die etwa zur Gründung der evangelischen Schule 1865 führten, wurden gezielt durchgeführt - auch damit die Lohnabhängigen moralisch in der Schuld der Fabrikanten standen. Und: Auch wenn gerade Heye sich um die sozialen Belange seiner Arbeiter sehr kümmerte ("von der Wiege bis zur Bahre"): Wer mehr Geld oder weniger Arbeitszeit forderte, fand sich schneller auf der Straße wieder als er gucken konnte.

Im protestantischen Preußen wurde der katholischen Kirche ein durch Laien besetzter Kirchenvorstand zur Kontrolle der Finanzen vor die Nase gesetzt, dem in Gerresheim von Beginn an auch der Drahtstifte-Fabrikant Ignatz Dreher angehörte. In St. Margareta stand Priester Aloysius Hahn 1863 vor der Mammutaufgabe, trotz leerer Kassen die Restaurierung der ehemaligen Stiftskirche voranzutreiben. Gut, dass er ein freundschaftliches Verhältnis zum Industriellen Heinrich Frieding, ebenfalls Mitglied im Kirchenvorstand, pflegte, der später sogar Hahns Schwester Agnes heiraten sollte. In Sorge um sein Seelenheil stiftete Frieding gerne. Nach dem Tod von Hahn 1887 wurde Jakob Schlecht neuer Pastor. Ihm lag vor allem die Armenversorgung und die Jugendarbeit am Herzen. Und auch er scheute nicht, für diese Zwecke Geld von Industriellen wie Frieding zu nehmen. Der kaufte dann sogar der Gemeinde die alte Pfarrkirche ab, ließ diese abbrechen und das heute noch bestehende Aloysianum errichten, in dem damals Kranke gepflegt wurden.

Bei Dreher wiederum waren es weniger religiöse, sondern unternehmerische Gründe, die ihn dazu führten, der Kirche indirekt unter die Arme zu greifen. Zur Erweiterung seines nahe gelegenen Werks kaufte er der Gemeinde dringend benötigte Grundstücke ab - und verpflichtete sich, während der Gottesdienstzeiten den Lärmpegel niedrig zu halten. Dennoch: Dreher legte sich mit der Kirche immer wieder an, so wegen einer Mauer, die er statt einer Hecke am Garten des Kaplaneigebäudes errichten ließ. Auch als er 1888 einen Fallhammer in seinem Werk installieren wollte und der Kirchenvorstand Schäden am gegenüberliegenden Küstereigebäude befürchtete, ließ er nicht eher locker, bis er seinen Willen bekam. Seinem Geld sei dank.

Quelle: RP
 
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