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Gerresheim
Treffen der Generationen

Gerresheim. Alexander Müller ist 14 Jahre alt, Günter Berghahn 86. Seit einiger Zeit besucht der Gerresheimer Gymnasiast den Rentner im Altenheim Gerricusstift und leistet ihm Gesellschaft. Von Philip Ziche

Im Bücherregal steht ein blauer VW Käfer, Baujahr 1949. Günter Berghahn deutet auf das Automodell: "In dem Auto habe ich damals meinen Führerschein gemacht. Für 50 Mark." Alexander Müller hört zu, während der gebürtige Gerresheimer von damals erzählt, als die Engländer noch in Gerresheim stationiert waren. Von dieser Zeit hat Alexander bisher nur im Geschichtsunterricht gehört.

Seit sieben Wochen besucht der 14-jährige Schüler des Marie-Curie-Gymnasiums den 86-jährigen Berghahn im Altenheim Gerricusstift. Jeden Donnerstag kommt er um 15 Uhr und leistet dem Rentner Gesellschaft. Für Alexander ist es ein Sozialpraktikum, für Berghahn eine willkommene Abwechslung. "Es ist schon schön, wenn man regelmäßig Besuch kriegt", sagt er. Zu seinen drei Söhnen hat er keinen engen Kontakt, die hätten immer viel zu tun, wie er erzählt. Mit Alexander kann er sich nun stets zwei Stunden unterhalten oder mit dem Gymnasiasten spazieren gehen. Worüber sie sprechen, ist unterschiedlich. Berghahn interessiert sich für den Schulalltag des Jugendlichen und die moderne Technik. "Worüber wir reden, ergibt sich dann meistens", sagt Berghahn.

Vor dem Praktikum hatte Alexander die Wahl: Altenheim oder Kindergarten? Er entschloss sich schließlich, alte Leute zu unterstützen - im Gegensatz zu den meisten seiner Freunde. Die machen ihr Praktikum in Kindergärten oder bei der Bahnhofsmission. "Es macht auf jeden Fall Spaß", sagt Alexander. "Ich spreche mit meinen Freunden über das Praktikum und bin froh, dass ich hier bin."

Da sie sich noch nicht lange kennen, gibt es für Günter Berghahn und Alexander noch eine Menge zu besprechen und zu unternehmen. Berghahn hat viel zu erzählen: Der gelernte Buchbinder hat 40 Jahre für das Goethe-Museum gearbeitet, wodurch er viel in Deutschland und Europa herumgekommen ist. "Ich habe zwei Bundespräsidenten im Haus miterlebt", berichtet er.

Wenn gutes Wetter ist, gehen die beiden nach draußen oder machen Besorgungen. Für die kalten Tage planen sie schon Spielenachmittage. Berghahn berichtet, in seinem Schrank stehe ein Kästchen mit 30 Spielen. Bereits jetzt ergänzen sich Schüler und Rentner - Alexander half bei technischen Problemen mit dem Digitalradio, Berghahn erzählt aus seinem Leben. Planmäßig soll das Praktikum 60 Stunden dauern, laut Alexander werden es aber vermutlich mehr werden.

Außer Alexander sind derzeit noch drei weitere Sozialpraktikantinnen im Gerricusstift, die sich mit Heimbewohnern treffen. Laut Angelika Fröhling vom Altenheim Gerricusstift kommen jedes Jahr Praktikanten des Marie-Curie-Gymnasiums ins Altenheim, in der Vergangenheit seien es aber auch schon mehr gewesen als jetzt. "Im Laufe der Zeit entwickelt sich eine gute Beziehung", sagt sie. Eine ehemalige Praktikantin schrieb sogar Briefe an die Seniorin, die sie im Vorjahr betreut hatte.

Auch wenn es bisher nur sieben Nachmittage waren, freut sich Günter Berghahn schon auf die kommende Zeit mit Alexander. Dem Jugendlichen gefällt besonders, dass die Treffen einmal wöchentlich sind und das Praktikum nicht innerhalb weniger Wochen am Stück abgearbeitet wird. So hätten die alten Leute mehr von der Zeit, als wenn er und seine Mitschülerinnen täglich kämen. "Ich höre meistens nur zu", sagt er. Doch das reicht häufig schon aus.

Quelle: RP
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