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Gerresheim/Grafenberg
Zurück in die Vergangenheit

Gerresheim/Grafenberg: Zurück in die Vergangenheit
Dieter Gasper blickt in seinem Roman rund 50 Jahre zurück in das Grafenberg im Jahr 1966. FOTO: David Young
Gerresheim/Grafenberg. Dieter Gasper ist Friseur, Fortuna-Fan, Ente-Fahrer und Autor. Der Gerresheimer hat einen Krimi geschrieben, in dem er seine Jugendzeit in Grafenberg verarbeitet. "Cremeschnitten sind aus" beschreibt vortrefflich den Stadtteil im Jahr 1966. Von Marc Ingel

Fortuna-Fan Dieter Gasper verbringt das Wochenende in Hamburg, am Montagabend geht er zum Zweitligaspiel gegen St. Pauli. Seine Mutter ist mitgefahren, sie besucht eine Jugendfreundin. Die 89-Jährige ist eigentlich gerade nicht so gut zu sprechen auf ihren Sohn, denn der hat ein Buch geschrieben. Ein fiktiver Krimi zwar, zurückdatiert in das Jahr 1966, dagegen ist ja nichts zu sagen. Aber eben auch mit ganz viel autobiografischen Bezügen, in denen Gasper seine Jugend, die er in Grafenberg verbracht hat, verarbeitet. Der heute 64-Jährige war, wie man so schön sagt, zu dieser Zeit kein Kind von Traurigkeit. Und wenn die Mutter jetzt davon liest, fragt sie entsetzt Sachen wie "Junge, warum hast du mir das denn nie erzählt?".

"Cremeschnitten sind aus" heißt der Roman, Gasper erklärt warum: "Am Ostpark gab es zur damaligen Zeit ein kleines Café, davor stand ein Schild, auf dem halb verwischt Tag für Tag dieser Spruch zu lesen war." Ursprünglich sollte der Titel des 350 Seiten umfassenden Buchs "Draußen nur Kännchen" lauten, "doch der war schon vergeben. Ein in Frankfurt erschienener Wegweiser für Touristen in Düsseldorf hieß so", erzählt der heutige Gerresheimer.

Gasper ist Friseur, mit Leib und Seele. Er hatte lange einen Salon am Staufenplatz, "da ist man den ganzen Tag nur mit Frauen zusammen. Was will man mehr?". Jetzt, die Rente vor Augen, kann er immer noch nicht so richtig loslassen, hilft zweimal die Woche in einem Grafenberger Geschäft aus. "Ich muss mich beschäftigen, sinnvoll, kann nicht nichts tun", sagt er. Daher malt Gasper auch oder kümmert sich liebevoll um seinen schwarz-gelben 2CV, der im Volksmund nur Ente heißt. Und Gasper schreibt.

"Cremeschnitten sind aus" wird aus der Perspektive des 16-jährigen Friseurlehrlings Dieter erzählt. Der verdiente im ersten Ausbildungsjahr nur 35 Mark im Monat, war aber zum Glück, obwohl noch nicht volljährig, Mitglied einer Band (Gesang und Keyboard), für einen Auftritt in einem Altstadt-Club gab es da gerne schon mal 80 Mark am Abend. Auf diese Weise lernte man auch leicht Mädchen kennen, auf einmal ist eines tot. Fundort der Leiche: der schlecht ausgeleuchtete Ostpark, dem stadtweit bekannten Treffpunkt für Spanner. So viel zum Plot der Geschichte.

Der große Reiz von Gaspers Buch: die anschaulichen Beschreibungen des Stadtteils im Jahr 1966, als zum Beispiel die Bahn in Grafenberg noch nicht unter die Erde verbannt war, "und man gefühlt stundenlang an dieser Schranke stand". Als vom Grafenberger Güterbahnhof, wo heute das Restaurant Tafelsilber ist, aus den Waggons die Elefanten rüber zum Zirkus auf den Staufenplatz geführt wurden. Ebenso gelingt es Gasper, ein ziemlich exaktes Gesellschaftsporträt der 60er Jahre zu zeichnen, "als die Frau zu Hause zu sein hatte, und der Mann scheinbar immer gearbeitet hat. Und wenn das mal nicht der Fall war, trieb er sich in der Kneipe rum oder war mit seinem Verein beschäftigt".

Gasper hat das Buch in Eigenregie vorfinanziert und verlegt. Mit 1000 Stück geht er erst mal ins Rennen. Dreifacher Großvater ist der 64-Jährige, der älteste Enkel ist volljährig. Wenn der dann ruft, "Opa, kommste mal", kann sich der jung gebliebene 64-Jährige nur schwer daran gewöhnen. Den Schalk im Nacken hat er nicht verloren. "Zu meinem 60. Geburtstag mussten die Gäste im Clowns-Kostüm kommen, obwohl ich Karneval immer gehasst habe. Ich hatte auch einen Grillwagen bestellt, da konnten sich alle für ein halbes Hähnchen anstellen. Mitten auf der Straße eine Gruppe mit Clowns, die Hähnchen futterten, ein Bild für die Götter", nennt er ein Beispiel für seinen etwas skurrilen Humor.

Quelle: RP
 
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