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Golzheim/Flingern
Ein Kirchenmusiker im Zwiespalt

Golzheim/Flingern: Ein Kirchenmusiker im Zwiespalt
Christian Kammans - hier in der Liebfrauenkirche - bevorzugt Bach und auch Dieter Falk, Brautpaare eher Whitney Houston und Bruno Mars. FOTO: h.-J. Bauer
Golzheim/Flingern. Wenn Christian Kammans eine Trauung begleiten soll, ist das oft wie ein Spagat. Denn häufig wünschen sich Brautpaare Lieder, die eigentlich nicht zu einer Hochzeit passen oder ungeeignet für die Kirchenorgel sind. So wie "I Will Always Love You". Von Semiha Ünlü

Als Kind saß Christian Kammans oft in der Kirche. Und oft galt sein Blick dann allerdings eher dem Kirchenmusiker als dem Pfarrer. "Mich haben schon immer der Klang einer Orgel und die mehrere Fuß hohen Pfeifen sehr fasziniert. Deswegen wollte ich das Orgelspielen lernen", sagt der 31-Jährige aus Golzheim. Inzwischen ist es Kammans, der an imposanten Orgeln in Düsseldorfer Gotteshäusern zum Beispiel Gottesdienste oder Chorproben musikalisch begleitet.

Am liebsten spielt Kammans Werke von Bach: "Unter Kirchenmusikern wird er wie ein Gott verehrt." Doch gerade bei Trauungen merkt Kammans, der seit kurzem als Zweiter Kirchenmusiker für den Katholischen Kirchengemeindeverband Flingern/Düsseltal arbeitet, dass Komponisten wie Bach, Wagner oder Mendelssohn-Bartholdy bei vielen Brautpaaren mit Klassikern wie dem "Hochzeitsmarsch", dem "Brautchor" oder "Air" nicht mehr so hoch in der Gunst stehen. Und bringen Kammans damit manchmal in eine schwierige Situation.

Denn immer öfter wünschen sich Paare Lieder, die mit einer persönlichen Erinnerung verbunden sind, aber inhaltlich nicht unbedingt zu einer Hochzeit passen. "Ich habe manchmal den Eindruck, dass sich Braupaare nicht mit den Texten beschäftigen. Whitney Houstons ,I Will Always Love You' handelt doch zum Beispiel von einer Trennung", sagt der Golzheimer und schüttelt den Kopf. Ein so beliebtes "Hochzeitslied" wie Leonard Cohens "Hallelujah" habe - auch wenn der Titel einen anderen Eindruck vermittele - eigentlich keinen (nur) geistlichen Text. "Man ist gewillt, den Leuten die Wünsche zu erfüllen, und will nicht päpstlicher sein als der Papst: Doch es geht auch darum, den Menschen klarzumachen, dass man sich in einer Kirche befindet", sagt Kammans. Oft müssten Pfarrer und Kirchenmusiker geradezu einen "großen Spagat" machen.

Dabei müssten es gar nicht zwingend Klassiker wie der Hochzeitsmarsch ein. Doch die Lieder müssten eben an einer Orgel "darstellbar" sein: "Die Titelmusik aus dem Film ,Forrest Gump' ist zum Beispiel instrumental, die kann man an der Orgel mit einem orchestralen Sound gut spielen. Das gilt auch für Lieder mit geistlichen Texten von Dieter Falk." Mit "Just The Way You Are" von Bruno Mars werde es wiederum deutlich schwieriger. Und das Lied von einem CD-Player in der Kirche abzuspielen: Das sei dann schon eine "merkwürdige Situation", findet Kammans.

Schließlich ist der Weg zum Kirchenmusiker alles andere als leicht und kurz. Die Stellen sind rar, der Ausbildungsweg lang und anspruchsvoll. So hat Kammans erst einmal Klavier lernen müssen, hat dann eine Kirchenmusiker-Grundausbildung über das Bistum Essen absolviert und nach einer schwierigen Aufnahmeprüfung an der Robert-Schumann-Hochschule Kirchenmusik studiert und seinen Bachelor-Abschluss gemacht. Neben seinem Job als Kirchenmusiker vertieft er an der Hochschule zurzeit seine Studien in einem Master-Studiengang.

"Jede Orgel ist anders, klingt anders, hat zum Beispiel einen barocken, symphonischen oder deutsch-romantischen Klang. Daher muss man sich als Musiker immer neu einstellen", so Kammans. Durch die unterschiedliche Bauweise der Orgelpfeifen, durch die Höhen und Tiefen, könne man aber viele unterschiedliche Klänge mischen, Flöten zum Beispiel "festlich gestalten", Streicher imitieren und damit Stimmungen wie Trauer und Freude ausdrücken: Das fasziniere ihn wie in seiner Kindheit.

So wie das Zusammenspiel mit den Kirchenbesuchern: "Das lernt man an einer Hochschule viel zu wenig." Denn sich auf Menschen unterschiedlicher Altersgruppen und Gesangsqualitäten und auf unterschiedliche Situationen einzustellen - das sei eine Herausforderung: "In der Liturgie improvisiere ich oft. Kirchen- und Jazzmusiker sind eigentlich die Einzigen, die diese Praxis noch pflegen." Eins vermisse er allerdings: "Der Applaus nach einer Messe hat sich noch nicht etabliert", sagt er und lacht.

Quelle: RP
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