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Grafenberg
Let's jam!

Grafenberg: Let's jam!
Einmal die Besetzung durchgewechselt: Am späteren Abend wird im Loc Locos frei gejammt, Sängerin Janet Thuista gibt den Ton vor. FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Grafenberg. An jedem dritten Montag im Monat findet im Casa Los Locos an der Ludenberger Straße eine ungewöhnliche Session statt. Erst spielt eine Stunde lang ein etabliertes Jazz-Ensemble, danach steht es jedem frei, sich aktiv zu beteiligen. Von Marc Ingel

Der Stadtbezirk 7 ist nicht gerade mit Kultur gesegnet. Allenfalls in Gerresheim finden Veranstaltungen statt. Ausgerechnet dem Kulturkreis Gerresheim ist es vor vier Jahren aber gelungen, auch in Grafenberg etwas zu bewegen. Etabliert wurde eine Konzertreihe, die jedoch vorwiegend ein eingeweihtes Stammpublikum anspricht.

An jedem dritten Montag im Monat findet im Casa Los Locos an der Ludenberger Straße 39 eine Jazz-Session statt, wie sie heutzutage nur noch in ausgesuchten Etablissements über die Bühne geht. Rund eine Stunde spielt ein professionelles Ensemble, danach wird gejammt: Jeder, der ein Instrument spielen kann und die Grundregeln der Jazz-Improvisation beherrscht, ist eingeladen, sich aktiv zu beteiligen. Und das Konzept funktioniert, wie ein Besuch beweist.

Heute ist das Los Locos bis auf den letzten Platz gefüllt - was vor allem an einem Herrn gesetzteren Alters liegt, der in der Szene einen guten Namen trägt: Wolfgang Engstfeld bearbeitet sein Saxofon eine Stunde ebenso filigran wie leidenschaftlich, er harmoniert dazu perfekt mit dem Sebastian-Gahler-Trio an Bass, Piano und Drums. Die Musik ist sehr chillig, eine bisschen Gershwin, viele Eigenkompositionen. Es ist nicht so, dass die Zuhörer vor Begeisterung auf den Tischen tanzen, das macht man erstens nicht beim Jazz, und zweitens würden bei dem ein oder anderen wahrscheinlich auch die müden Knochen einem solchen Vorhaben im Wege stehen.

Anders ausgedrückt: Wie Engstfeld befindet sich die Mehrheit im Publikum nicht mehr unbedingt in der Blüte ihrer Jugend. Es sind viele Paare darunter, die bei einem guten Glas Wein genüsslich und konzentriert der Musik lauschen, ein wenig mit dem Kopf wippen, mit den Fingern schnippen und anschließend mit einem wissenden Lächeln aufrichtig, aber bedächtig applaudieren. Es sind auch einige junge Leute da, die offenbar lediglich essen wollten, zufällig in diesen Abend hineingeraten sind, sich aber anscheinend wohlfühlen und den Moment mit ihren Handykameras festhalten. "Wir versuchen den Abenden immer eine etwas andere musikalische Richtung zu geben, daher kann es durchaus auch mal rockiger werden", erzählt Jost Schmiedel, der für den Gerresheimer Kulturkreis im Beirat Musik sitzt. "Natürlich kommen oft immer dieselben Gäste. Auch bei den spontanen Jam-Sessions sind Musiker darunter, die stets wieder vorbeischauen und mitmachen wollen. Man kennt sich halt in der Jazz-Szene", ergänzt die 2. Vorsitzende Ursula Zahler, die aber auch von Abenden berichten kann, als plötzlich einer seine Saz, ein orientalisches Saiteninstrument, auspackte und es bearbeitete. Das sei dann auch für die versiertesten Profis eine Herausforderung gewesen.

Es ist inzwischen nach 21 Uhr, Zugpferd Engstfeld hat sein Saxofon eingepackt und sich mit einem Glas Rotwein nach draußen verzogen. Schmiedel sammelt Spenden ein, denn der Eintritt ist frei, die Band erhält dennoch eine kleine Gage. René Marx an den Drums, musikalischer Leiter der Reihe wechselt ans Piano, wo Ensemble-Kopf Sebastian Gahler seinen Platz geräumt hat, Nico Brandenburg bleibt als Konstante am Bass. Kai Damm-Jonas setzt sich an das Schlagzeug, Peter Barzel packt seine Gitarre aus und Sängerin Janet Thuita schnappt sich das Mikrofon. Eine kurze Absprache, dann geht es los. Die soulige Stimme von Thuita nimmt das Publikum sofort gefangen, ein Qualitätsverlust ist nicht festzustellen. Ein Solo jagt das nächste, es wird noch ein langer Abend. "Die Jazz-Standards aus dem Real Book bilden den gemeinsamen Nenner, wer die beherrscht, der hat auch kein Problem, mitzuspielen", erklärt Marx, der sich freuen würde, wenn bei der nächsten Session noch mehr Freiwillige den Mut aufbrächten, einfach mal mitzujammen.

Quelle: RP
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