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Heerdt
Der Club der Handwerker

Heerdt: Der Club der Handwerker
Andreas Hencke, Lothar Gläser, Stefan Grütter, Jürgen Gebhardt und Hasan Sami (v.l.) sind Nachbarn im "Handwerkergässchen". Jeder arbeitet selbstständig in seinem Beruf. Gebhardt und Grütter sind Eigentümer des Hofes. FOTO: RP-Foto. Andreas Bretz
Heerdt. Der Düsseldorfer Stadtteil Heerdt ist im Wandel. Es gibt aber noch einige Ecken, in denen die Zeit still zu stehen scheint. Kleine Betriebe haben sich im Schatten des Handweisers angesiedelt, deren Betreiber eine eingeschworene Gemeinschaft sind. Von Heide-Ines Willner

Am Ende der Heerdter Landstraße, einen Steinwurf weit entfernt vom Verkehrsknoten Handweiser, versteckt sich ein originelles Gässchen, in dem Handwerker und Künstler eine Gemeinschaft bilden. An der Adresse ist das schon abzulesen, denn alle haben die Hausnummer 245: Reifenservice, Tischlerei, Sattlerei, Fotoschule und ein Restaurant. Doch wie im restlichen Heerdt gibt es auch hier einen Wandel. Allerdings nur innerhalb alter Gemäuer, ohne dort den Charme der alten Zeit zu verdrängen.

Künstlerin Luzi Gebhardt richtet sich gerade in der ehemaligen Gießerei, in der später die Firma KDB-Kernbohrungen heimisch war, ein Atelier ein. Ihre Stelle als Art-Direktorin und Dramaturgin hat sie aufgegeben und ist nun aus Hamburg in ihre Heimat zurückgekehrt. "Ich möchte mich ganz auf die freie Kunst konzentrieren", erzählt sie bei einer Besichtigung des Gebäudes. Sie weiß genau, was sie will, wenngleich es kaum vorstellbar ist, dass in den verwinkelten Industriehallen schon bald die Malerei einziehen wird. Doch sie ist zuversichtlich und sagt: "Ich habe vor, mit dem Umbau noch im März fertig zu werden." Gemeinsam mit anderen Künstlern wolle sie arbeiten, Ausstellungen und offene Abende anbieten. Hilfe beim Umbau kommt von ihrem Vater Jürgen, der mit seiner Frau Monika in Neuss ein Architekturbüro betreibt. Einst hatte ihm das gesamte Gässchen mit seinen Aufbauten gehört. "Ich habe alles 1989 von einem Grafen von Rittberg gekauft, der früher eine Eierfabrik hatte, etwa dort, wo sich heute das Verlagshaus der Rheinischen Post befindet."

Gebhardt kennt die Geschichte des Gässchens gut und weiß auch, dass dort früher die Firma Rheinmetall Kanonenrohre baute. "Sie galt als Kriegsschmiede. Deshalb befinden sich unter den Gebäuden geheimnisvolle Gänge, die damals wohl aus Sicherheitsgründen bis zum Bunker, der späteren Bunkerkirche, führten", sagt er. Zugänglich aber seien sie nicht mehr. Und noch ein Kuriosum hat der Architekt zu bieten: "Die Heerdter Landstraße ist eine historische Straße", sagt er schmunzelnd und liefert gleich die Erklärung: "Als die Straße in dem 1980/90er Jahren in der heutigen Form ausgebaut wurde, bekamen die Eigentümer der angrenzenden Grundstücke saftige Rechnungen. "Teilweise bis zu 100.000 Mark", sagt Gebhardt. Also taten sich alle zusammen und erreichten, dass aus dem Verkehrsweg eine "historische Straße" wurde und somit die Öffentlichkeit die Kosten zu tragen hatte.

Inzwischen ist Gebhardt aber nicht mehr alleiniger Eigentümer des Areals. "Wir wollten uns verkleinern und haben Teile verkauft." Nicht zuletzt auch deshalb, um das Gässchen in seiner jetzigen Form zu erhalten, was ihm eine Herzensangelegenheit sei. Neben Peter Schmitt ist jetzt auch der Werbefotograf Stefan Grütter Besitzer. Letzterer hat das Backsteinhäuschen in ein Atelier oder wie er sagt, in eine "Event-Location", umgebaut. "Ich bin viel unterwegs, um Aufnahmen für die Werbung zu machen", sagt der gebürtige Heerdter. "Deshalb vermiete ich die Räume zum Beispiel für Seminare."

Um Fotos geht es auch beim Nachbarn schräg gegenüber. Hinter den urigen Mauern hat die "NRW-Fotoschule" ihr Domizil und bietet Privatpersonen Möglichkeiten, ihre eigenen fotografischen Fähigkeiten zu verbessern. Eine Tür weiter dreht sich alles um das Thema Holz. Andreas Hencke und Thomas Meier pflegen das klassische Handwerk der Tischlerei und gestalten seit mehr als 25 Jahren Wohnräume. "1999 haben wir den Betrieb gegründet und arbeiten deutschlandweit wie auch für Kunden im Ausland", sagt Hencke.

Sein Nachbar ist Hasan Sami, der einen Reifenservice betreibt. Er führt die Tradition an dieser Stelle weiter, an der einst der Reifenhandel Flasbeck in riesigen Hallen Autos ausstattete. "Bei Sami muss man sich nicht anmelden, kann einfach vorfahren und wird bedient", sagt sein Nachbar Lothar Gläser, der mit Uwe Müller die einzige linksrheinische Auto- und Bootsattlerei betreibt. "Wir haben gerade eine neue Halle hochgezogen und nun mehr Platz." Angefangen haben sie in einer Garage an der Benediktusstraße und blicken nun auf eine mehr als 20-jährige Tätigkeit im Sattlerhandwerk zurück. "Ich fühle mich wohl hier, schätze die Gemeinschaft in unserem Gässchen", sagt der gebürtige Heerdter, der sich den Ortsschützen verbunden fühlt. Alle kennen sich und begegnen sich mittags ab und zu im griechischen Restaurant "Estia" gleich am Eingang des Gässchens - bei Alexandros Tzimas. "Meine Familie wohnt in Heerdt", so der Gastronom. "Wir sind an dem leerstehenden Laden oft vorbeigefahren, bis wir schließlich den Entschluss gefasst haben, dort ein Restaurant zu eröffnen."

Quelle: RP
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