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Holthausen
Sütterlin schreiben und entziffern lernen

Holthausen. Seit einem Jahr trifft sich donnerstags eine Gruppe im Zentrum plus in Holthausen. Von Beate Gostincar-Walther

Stirnrunzelnd und buchstabierend entziffert die Runde die Worte: "Der Esel geht nur." "Einmal auf's Eis", vervollständigt eine ältere Dame strahlend den ersten Teil eines Sprichwortes. Das nette Spiel könnte ganz einfach sein, wenn da nicht bewusst der Schwierigkeitsgrad Sütterlin hinzukäme.

Die Großbuchstaben sind teils geschwungen und wunderbar schnörkelig, die kleinen sehen auf den ersten Blick alle vertrackt ähnlich aus. "Meine Mutter konnte das noch Lesen und Schreiben", meint eine Teilnehmerin. Doch selbst ältere Semester müssen heutzutage passen; denn bereits im Jahr 1941 wurde die von Ludwig Sütterlin entwickelte Schrift verboten, obwohl sie als Deutsche Volksschrift erst 1935 in den Lehrplan aufgenommen worden war.

Donnerstagabends sitzt im Zentrum Plus des Arbeiter-Samariter Bundes in Holthausen eine kleine Runde zusammen, die sich seit einem Jahr der alten Schrift widmet. Heutzutage kann sie kaum noch jemand. Ursprünglich kam die Gruppe zusammen, um gemeinsam "Wort-Schätze zu heben". "Manche hatten alte Familienbriefe, es gab ein Rezeptbuch von der Urgroßmutter oder historische Akten", erzählt Sozialpädagogin Ute Frank. "Die alten Akten im Holthausener Archiv haben mich gereizt", erklärt Ursula Itter, die sich für das Projekt "Holthausen auf der Spur" engagiert. Dabei wird die Historie des Stadtteils aufgespürt und an Straßen und Gebäuden veröffentlicht.

Bei Hannelore Stankowsky klappt die Schreiberei ganz flott. Ab und zu schaut sie - wie ihre Tischnachbarn - auf ihren Spickzettel. Da sind die Sütterlin-Buchstaben ihren lateinischen "Zwillingen" gegenübergestellt. "Es gibt wirklich einige schäbige Buchstaben; da ist es gut, dass ich mein Radiergummi habe", meint sie amüsiert.

Als Nächstes zieren lateinische Großbuchstaben die Tafel: SBEZG. "Sieben Buben essen zwei Gänse", liest eine Dame lachend vor. Bei dem Spiel ist Kreativität gefragt. Der erfundene Satz muss allerdings zuvor in Sütterlin zu Papier gebracht werden. Da die oberen und unteren Längen der dekorativen Schrift nicht so leicht zu meistern sind, nimmt die Schreibrunde Hilfslinien der ersten Schulklasse zur Orientierung. "Man müsste die eigentlich mit Tusche und einer Feder schreiben", sinniert Hannelore Stankowsky.

Dass die Schreib- und Lesespiele Spaß machen, versteht sich. Doch als Nächstes stehen Übersetzungen auf der Aufgabenliste. "Es gibt ja keine Liebe, die nicht geprüft sein will", liest Ursula Itter aus einem Brief des Jahres 1935. Der stammt aus einem Familienbesitz, und die Besitzerin möchte noch eine Reihe anderer übersetzt haben Die schwierigste Übersetzung sei bisher ein Mundartbrief gewesen, sind sich alle einige. Weitermachen will die Gruppe auf jeden Fall - der nächste Brief zum Entschlüsseln wartet schon. "Es macht Spaß, etwas gemeinsam zu machen und es gibt tolle Ideen", meint Ingrid Möller. Neueinsteiger sind hier herzlich willkommen; Ansprechpartnerin ist Ute Frank, Telefon 9303146.

Quelle: RP
 
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