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Holthausen
"Viele von uns sind privat sehr einsam"

Holthausen. Offener Brief einer Drogenabhängigen, die sich früher öfter am Kamper Acker in Holthausen aufgehalten hat.

Auf unsere Berichterstattung über die Präsentation eines Konzeptes vom "Sozialdienst katholische Frauen und Männer" (SKFM) schrieb uns eine Betroffene einen offenen Brief, den wir hier im Wortlaut abdrucken.

"Ich bin selbst Betroffene, beziehungsweise Substituierte, geboren auch im Rheinland /bei Düsseldorf; ich habe über 35 Jahre als Qualifizierte Arbeit geleistet und bin dann dadurch krank geworden. Dadurch wurde ich rückfällig. Ich lebe seit 30 Jahren in einem anderen Bundesland, in einer kleineren "Groß"-Stadt namens Kassel.

Auch hier werden die Leute dauernd vertrieben; mittlerweile haben wir zwar zwei Möglichkeiten, mal vom Wind und Wetter geschützt in einer Gemeinschaft zusammen zu kommen, aber im Sommer.... - meine Güte! Da zieht es auch uns raus, an die frische Luft, Sonne, das weckt auch bei uns die Lebensgeister! Viele von uns sind privat sehr einsam, ich habe im Laufe der letzten 15 Jahre fast alle echten, langjährigen und verlässlichen Freunde durch Tod verloren! So ist mir mein langjähriger Lebenspartner (nach 35 gemeinsamen Jahren) aus Düsseldorf, mit dem ich immer zwischen Kassel und Düsseldorf hin und her pendelte im März 2006 verstorben!

Wo sollen wir denn hin? Die meisten von uns können es sich nicht leisten, sich in der Stadt in ein nettes Café oder eine Kneipe zu setzen und dort horrende Preise für einen Schoppen oder einen Kaffee zu bezahlen. Also trifft man sich eben dort, wo es ein paar Sitzplätze, Sonne und eine halbwegs annehmbare Umgebung gibt.

Wenn dann auch noch die Ausgabezeiten für die Methadon/Polamidon-Abgabe beim Arzt so konzentriert sind, dann bleibt das einfach nicht aus, dass man noch eine Weile beisammen steht, sich unterhält und auch mal eine Flasche Bier in der Jackentasche oder dem Rucksack dabei hat. Vor der Abgabe von den Substitutionsmitteln ist Alkoholgenuss sowieso tabu, aber danach....

Nun gut! Jedenfalls ist es eine Schande, dass Menschen dauernd ausgegrenzt werden, und das betrifft nicht nur Drogenabhängige beziehungsweise Drogenkranke. Noch sind wir ein freies Land, und die Stadt, in der wir leben, gehört allen.

Natürlich finde ich es auch doof und unpassend, wenn Leute über die Stränge schlagen, besoffen rumkrakelen und so weiter, aber das betrifft durchaus nicht ausschließlich Drogenabhängige wie in Holthausen, denn die meisten "Drogisten" sind ganz ruhige Leute und wollen am besten gar nicht auffallen. Alkoholkranke sind da ganz anders. Und bei Mischkonsum kann es dann leider passieren, dass es mal etwas laut wird. Aber damit sollte eine Gesellschaft doch wohl klar kommen?! Das ist doch "Kleinkram", sich über so was aufzuregen und Menschen die Möglichkeit zu verbieten, sich dort, in diesem Fall Holthausen, zu treffen!

Ich fass' es nicht, wie spießig die Menschen sind - und wie intolerant! Drogenabhängige werden schon genug verfolgt und gepiesackt, und solange da keine Gewalttätigkeit gegenüber so genannten "normalen" Menschen vorkommt, kann ich nur sagen: "Leben und leben lassen!"

Biggi B. (kompletter Name der Redaktion bekannt)

(rö)
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