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Itter
Mit rheinischem Humor durchs Leben

Itter. Die alte Dame mit dem flotten grauen Kurzhaarschnitt schmunzelt, als ihr Sohn von ihrer ersten Reaktion erzählt. "Finger von lassen, sagte sie, als wir mit ihr über die Geburtstagsfeier sprachen", erzählt Rainer Urban lachend. Die Steno-Sprache gebraucht sie seit einiger Zeit, aber Tochter Gudrun und Sohn Rainer verstehen sie bestens. Von Beate Gostincar-Walther

Anneliese Urban wird am Pfingstmontag 100 Jahre und dieses Wiegenfest wird gefeiert, soweit es ihre Kräfte zulassen. Allein sechs Urenkel und fünf Enkel kommen zum Festtag, dazu die Kinder und weitere Verwandte und Bekannte. "Um 12 Uhr ist alles vorbei, aber wer Lust hat, kann gerne länger bleiben", erzählt Sohn Rainer, der mit seiner Schwester alles organisiert. Das "Geburtstagskind" macht ohnehin genügend Schlafpausen.

Sie überlebte die Hungersnot des "Steckrübenwinter" 1918 als kleines Kind, den Zweiten Weltkrieg mit dem kleinen Sohn alleine in Düsseldorf, sie wurde ausgebombt, nach Thüringen evakuiert und hat alles überstanden. Anneliese Urban könnte von allerschlimmsten Zeiten erzählen. Selbst 1943 mit ihrem kleinen Jungen heftigen Luftangriffen ausgesetzt, blieb sie zuversichtlich. "Nach zwei Stunden soll sie damals gesagt haben: so lange der Kleine sich freut, geht das Leben weiter", weiß Sohn Rainer zu erzählen. Ihren waschechten rheinischen Humor habe sie gebraucht - und manchmal blitzt er heute noch durch.

Mit ihrem Realschulabschluss und Rechentalent suchte sich die junge Anneliese eine Lehrstelle als "Kaufmann" im Einzelhandel. "Das war beim Textilhandel Nommsen auf der Schadowstraße, da hat sie bis zu meiner Geburt gearbeitet", erzählt Rainer. Ihre eigenen Eltern verlor die geborene Anneliese Budde als junge Frau, beide starben kurz hintereinander. Ihren Ehemann lernte sie Ende der 1930er Jahre kennen. Beide verband ein ungewöhnliches, sportliches Hobby: das Rhönrad-Fahren. "Sie war wirklich erste Klasse und hat sogar Vorführungen mitgemacht", schwärmt Rainer Urban von seiner Mutter. Bei der Erinnerung und dem Lob huscht ein Strahlen über ihr Gesicht.

Im Kriegsjahr 1942 heiratet sie Adolf Urban. Dann rückten der Haushalt und die beiden Kinder in den Mittelpunkt. "Sie hat immer gerne mit uns Kindern gelacht", erinnert sich der Sohn. Der Schrebergarten sei das Familienhobby gewesen, aber Anneliese Urban habe auch Französisch-Sprachkurse besucht und sie sei gerne gereist. Weil ihr Mann in Bergisch Gladbach eine Stelle als Grafiker findet, verlässt die Familie die Heimatstadt. Und als die Kinder erwachsen sind, arbeitet Anneliese Urban wieder in ihrem alten Beruf. Doch als sie und ihr Mann das Rentenalter erreichen, gibt es kein Halt mehr - es geht zurück nach Düsseldorf. Das sechzigjährige Bestehen ihrer Zweisamkeit - die Diamantene Hochzeit - können sie gemeinsam im Jahr 2002 feiern; 2005 stirbt Adolf Urban.

Seit elf Jahren hat Anneliese Urban ihr Zuhause nun im Paulus-Haus. Das Singen mag sie besonders, auch wenn sie anschließend etwas "kaputt" sei. "Die legen mich auf's Ohr", ist ihre Version für die Erholung, die sie im Anschluss braucht. "Sparsam und gesund gelebt", bringt Rainer Urban die Lebensdevise seiner Mutter auf den Punkt. "Altes Häuschen, wo gehen wir denn hin. In die Altstadt?", fragt er scherzhaft - Anneliese Urban lacht. "Bis neulich", das ist auch eines ihrer geflügelten Worte.

Quelle: RP
 
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