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Kalkum
Propagandafigur als Lebensretter

Kalkum: Propagandafigur als Lebensretter
Das Bombenräumkommando Kalkum unter dem Kommando von Heinz Schweizer, der auf dem Bild nicht mehr eindeutig zu identifizieren ist FOTO: MUG
Kalkum. Im Zweiten Weltkrieg hatte in Kalkum ein hoch ausgezeichneter Hauptmann das Kommando über eine Bombenräumtruppe. Später widersetzte er sich offiziellen Befehlen und rettete so 100 Menschenleben. Von Julia Brabeck

Die Düsseldorfer Mahn- und Gedenkstätte forscht zurzeit über die Geschichte der KZ-Außenlager in Düsseldorf. Dabei wurde auch die ungewöhnliche Geschichte von Hauptmann Heinz Schweizer recherchiert, der mehrere Jahre das sogenannte Bombenräumkommando Kalkum leitete, von den Nationalsozialisten als Held hochstilisiert wurde, aber gegen Ende des Krieges 100 politischen Gefangenen das Leben rettet.

Beim Bombenräumkommando handelte es sich um eine Einheit der Luftwaffe, die aus hoch qualifizierten Feuerwerkern bestand. Zuständig war die für den Düsseldorfer Norden und angrenzende Gebiete. Unterstützt wurden die Soldaten bei der Arbeit von Zuchthaus-Insassen aus Lüttringhausen, welche in erster Linie politische Gefangene waren. Bei besonders großen Einsätzen wurde die Gruppe auch noch von Insassen des KZ-Außenlagers Kirchfeldstraße verstärkt. Diese mussten mit den Häftlingen nach Luftangriffen die nicht gezündeten Bomben freigraben, damit die Spezialisten diese entschärfen konnten. "Eine lebensgefährliche Aufgabe. In einem Jahr kamen dabei zehn der ausgebildeten Feuerwerker und in sechs Monaten zehn der Häftlinge um", sagt Peter Henkel, Mitarbeiter der Mahn- und Gedenkstätte.

Der aus Berlin stammende Heinz Schweizer entwickelte immer neue Methoden, mit denen die Zünder der Blindgänger oder der Zeitbomben entschärft werden konnten. Teilweise werden diese Verfahren heute noch von Feuerwerkern angewendet, wenn diese Bomben aus dem zweiten Weltkrieg unschädlich machen müssen. Für seine Arbeit wurde Schweizer von den Nazis zum Held der Bombenentschärfung stilisiert, als "Mann mit Stahlnerven" von der Propagandapresse bezeichnet. 1943 wurde er als erster Luftwaffensoldat, der nicht flog, mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet und als eine Art Beförderung in ein Forschungszentrum versetzt.

"Dann kommt ein Bruch in seinem Lebenslauf, denn Schweizer lässt sich schnell wieder nach Kalkum versetzen", sagt Henkel. Die Forscher gehen davon aus, dass sich der Hauptmann anfing, von den Nationalsozialisten zu distanzieren.

Im März 1945 brach Schweizer dann sichtbar mit dem System. Damals kam es zu den Endphaseverbrechen. "SS, Gestapo und andere Instanzen haben auf Anordnung politische Häftlinge umgebracht, damit diese nicht in die Hände des Feindes fielen." Schweizer sollte dafür die ihm unterstellten Häftlinge zurück nach Lüttringhausen in den sicheren Tod schicken. "Unter dem Vorwand, er würde diese noch dringend weiter brauchen, hat er das aber verweigert. Und er ist noch einen Schritt weitergegangen. Er hat behauptet, er bräuchte noch weiter 50 Häftlinge für Sprengarbeiten und bekam diese tatsächlich bewilligt." Mit seiner Einheit und den 100 Häftlingen marschierte er dann in das Bergische Land und ergab sich bei der ersten Gelegenheit den Amerikanern.

Wegen der Aussagen der Häftlinge kommt er bereits im Juli 1945 wieder frei. Schweizer geht trotz Warnung zu seiner Familie nach Eberswalde in die sowjetische Zone und wird dort einige Monate später im Alter von 37 Jahren von einem betrunkenen russischen Soldaten erschossen. Die genauen Umstände sind, wie viele andere Punkte in Schweizers Leben ungeklärt. "Wir forschen aber weiter", sagt Henkel. Als Held will er Schweizer nicht bezeichnen. "Wir wissen zu wenig über seine Motive. Außerdem darf man nicht vergessen, dass Schweizer sich freiwillig 1936 zur verdeckten Operation Condor gemeldet hat. Die Gruppe war im spanischen Bürgerkrieg an der Unterstützung des faschistischen Systems Francos beteiligt gewesen.

Quelle: RP
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