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Knittkuhl
Integration geschieht im Eiltempo

Knittkuhl. Sieben Flüchtlingskinder, vier davon aus Syrien, besuchen die Gemeinschaftsgrundschule in Knittkuhl. Sie lernen überraschend schnell Deutsch. Für alle Schüler gab es gestern eine Lesung in deutscher und arabischer Sprache. Von Marc Ingel

Andächtig, aber auch angestrengt, versucht das kleine syrische Mädchen der Lesung zu folgen. Doch immer wieder drohen ihr die Augen zuzufallen. Der Tag zuvor war ein besonderer für sie. Es war der Tag der Familienzusammenführung. Der Vater war zunächst mit drei Kindern alleine aus Syrien geflohen, jetzt kam die Mutter auf Umwegen nach. Da durfte das Mädchen wohl etwas länger aufbleiben. Jetzt ist sie müde, kämpft aber tapfer dagegen an.

Denn die Lesung, der das Kind, das die erste Klasse der Grundschule Knittkuhl besucht, beiwohnt, ist nicht alltäglich. Aus dem Bilderbuch "Bestimmt wird alles gut" der Autorin Kirsten Boie, das von der Flucht einer syrischen Familie erzählt, wird sowohl in deutscher als auch in arabischer Sprache vorgelesen - ganz im Sinne der Schriftstellerin, die ihre Geschichte mit Hilfe der Übersetzung von Mahmoud Hassanein selbst zweisprachig in ihrem Buch angelegt hat.

Das Mädchen und zwei gleichaltrige Jungen aus Syrien fallen unter ihren rund 60 Mitschülern nicht weiter auf, sie wirken integriert. "Das ist natürlich unser Ziel", sagt Antje Grüneklee, kommissarische Leiterin der Gemeinschaftsgrundschule. "Und das klappt erstaunlich gut. Die Kinder können innerhalb von acht Wochen schon passabel Deutsch, der Rest funktioniert mit Händen und Füßen."

Um diese Entwicklung zu forcieren, haben sich einige Eltern bereiterklärt, ehrenamtlich zu helfen. Und es gibt Gisela und Wolfgang Gruß, ein pensioniertes Lehrerehepaar aus Knittkuhl, das jeden Tag in die Schule kommt und mindestens eine Stunde mit den sieben Flüchtlingskindern, die in der nahen Unterkunft an der Blanckertzstraße leben, lernt. "Vor allem mein Mann bringt sich sehr ein, ich nehme immer mal Kinder beiseite, und versuche einen zusätzlichen Anschub zu geben", sagt Gisela Gruß.

Dann gibt es da noch Oussama Dabbagh. Auch der Vater von drei Kindern lebt in Knittkuhl und seit fast drei Jahrzehnten in Deutschland. Er wechselt sich bei der Lesung des Kinderbuchses mit Schulsozialarbeiterin Michaela Seeck-Wiedemann ab und übernimmt den arabischen Part. "Boah", entfährt es einem der Erstklässler, als er zum ersten Mal die fremd klingenden Sätze vernommen hat. "Jetzt wisst ihr, wie das ist, wenn ihr etwas hört und nichts davon versteht", wird Antje Grüneklee später sagen. Dabbaqh hilft immer gerne, wenn ein Dolmetscher benötigt wird. "Auch bei der Arbeit, das ist kein Problem, oft reicht es, wenn ich telefonisch Missverständnisse aufklären kann." Er sei aber auch schon in der Unterkunft an der Blanckertzstraße gewesen, jetzt etwa, um den betroffenen Eltern das Experiment mit der Lesung zu erläutern.

Auf einen Dolmetscher kann Antje Grüneklee allenfalls bei der Schulanmeldung bauen, im Alltag muss es meist ohne gehen. Dafür sei die Bereitschaft der Eltern, zum Beispiel bei der schulischen Erstausstattung mit Tornistern, Heften oder Stiften zu helfen, enorm. Dass man den betroffenen Kindern in ihrer Schule feste Bezugspersonen, feste Zeiten und auch einen festen Raum für den Förderunterricht anbieten könne, sei wichtig. Ansonsten nähmen alle ganz normal am Unterricht bis 13.30 Uhr teil. "Die Kommunikation bleibt aber natürlich täglich eine Herausforderung", sagt Grüneklee.

Quelle: RP
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