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Niederkassel
Briefkastensuche auf Japanisch

Niederkassel. Elke Senger ist Postzustellerin im japanischen Viertel von Niederkassel. Das macht die Zustellung nicht immer leicht: Oft muss sie Briefe mit komplizierten Schriftzeichen entziffern, bei Sendungen zum Unterschreiben gibt es Sprachbarrieren. Von Laura Ihme

Prüfend betrachtet Elke Senger den großen Papp-Umschlag in ihrer Tasche. Kopfschütteln. "Nee, der passt nicht in den Briefkasten. Da müssen wir klingeln", sagt sie. Klingt logisch, klingt einfach. Tatsächlich wird es für die Postzustellerin jedoch meist an genau dieser Stelle schwierig: Ihr Bezirk ist das japanische Viertel in Niederkassel. Komplizierte Schriftzeichen auf Briefen und Kommunikationsschwierigkeiten mit den jeweiligen Empfängern gehören zu ihrem Alltag.

Sie klingelt. Einmal, zweimal. Keine Reaktion. Dann ertönt ein kaum hörbares "Ja" aus der Sprechanlage. "Die Post ist da", sagt Elke Senger. Schweigen. "Ich bringe Ihnen einen Brief. Ich komme von der Post." Der Türsummer brummt. Die Zustellerin steigt durch das Treppenhaus in den dritten Stock. Die Empfängerin des Briefes, eine Japanerin, nimmt diesen ein wenig verwirrt, aber trotzdem dankbar entgegen. Sie lächelt. "Bei Sendungen, die ich an die Tür und nicht zum Briefkasten bringe, passiert das regelmäßig. Viele Japaner hier sprechen nicht so sicher Deutsch", sagt Senger. Mit Händen und Füßen versucht sie dann, zu erklären, dass sie bloß die Post bringt. Bei Einschreiben, die unterschrieben werden müssen, oder Sendungen per Nachnahme, bei denen sogar Geld bezahlt werden muss, ist es oft besonders schwer, zu erklären, was der Empfänger tun muss.

Glücklicherweise erhält Elke Senger bei schwierigen Fällen auch immer wieder Hilfe von Nachbarn, die als Dolmetscher einspringen, und zwar in beide Richtungen: Denn immer wieder muss die Briefträgerin auch Post austeilen, die aus Japan verschickt wurde und lediglich mit den japanischen Schriftzeichen betitelt ist. "Ich frage dann etwa beim Nachbarn nach, wer damit gemeint ist", sagt die 48-Jährige. Meist helfe das auch. Nicht immer ist die Umfrage jedoch erfolgreich, dann geht der entsprechende Brief zurück zur Verteilstelle der Post und zurück an den Absender.

Doch selbst wenn die Namen und Adressen an die Anwohner in dem Viertel in lateinischen Buchstaben geschrieben stehen, muss Elke Senger immer noch ganz genau hinsehen. Zwei weitere Eigenheiten des Japanischen erschweren ihr tagtäglich die Suche nach den Empfängern: die Art und Weise, wie ein Name nun genau geschrieben wird und die Abfolge von Vor- und Nachnamen. Im Japanischen wird nämlich eigentlich zunächst der Nachname und anschließend der Vorname auf ein Adressfeld geschrieben. Ins Deutsche übertragen bedeutet das, dass statt "Dirk Schmitz" plötzlich "Schmitz Dirk" auf dem Adressfeld steht. So ist es auch bei vielen Briefen, die Elke Senger im Japanischen Viertel austrägt. Oft kann sie dabei mit Blick auf die vielen ihr unbekannten japanischen Namen gar nicht unterscheiden, ob nun für den betreffenden Brief die japanische oder deutsche Variante ausgewählt wurde. "Ich muss dann genau hinsehen, ob einer der Namen auf dem entsprechenden Briefkasten zu finden ist", sagt Senger. Und auch die Schreibweise muss sie mit dem Briefkasten abgleichen. Weil das Japanische eine Silbenschrift hat, kann schon ein Buchstabe den Unterschied machen. Einen Brief für Meier würde man schließlich auch nicht bei Maier oder Meyer einwerfen, meint die Zustellerin.

Bis der richtige Briefkasten für die Post gefunden ist, dauert es schon mal ein paar Minuten länger - in anderen Zustellbezirken geht die Abfertigung schneller. Bis in den Nachmittag hinein ist Elke Senger, die inzwischen seit sechs Monaten den Bezirk in Niederkassel betreut, dann dort unterwegs. Vorher hat sie bereits in vielen anderen Bezirken der Stadt die Post ausgetragen. So viel suchen wie im Japanischen Viertel musste sie dabei nie. "Jeder Bezirk ist trotzdem für sich besonders", sagt sie. Aber nicht so voller Rätsel.

Quelle: RP
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