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Oberbilk
Die Kräuterhexe vom Biogarten

Oberbilk: Die Kräuterhexe vom Biogarten
Zertifizierte Kräuterpädagogin: Gina Heinrichs im Biogarten im Südpark. FOTO: Andreas Endermann
Oberbilk. Gina Heinrichs gibt bei Workshops und Führungen ihre Kenntnisse an Interessierte weiter. Von Ute Rasch

"Wollen Sie einen Kräutertee?" hat sie zur Begrüßung gefragt und auf ein zartrosa Gebräu gewiesen. Etwas anderes hätte man sich bei ihr auch kaum vorstellen können, in dieser Umgebung, bei dieser Passion. Gina Heinrichs, Kräuterpädagogin mit Zertifikat, sitzt an einem Holztisch im VHS-Biogarten, früh am Morgen hat sie schon am Teich ein Stündchen Flöte gespielt, den Tanz der Libellen begleitend. Manche nennen sie eine Kräuterhexe, stört sie das? "Überhaupt nicht, ich bin nur froh, dass ich heute lebe und nicht im Mittelalter, da wäre ich Gefahr gewesen, auf dem Scheiterhaufen zu landen."

Sie kam auf Umwegen zu ihrer Leidenschaft, zu dem, was für viele Menschen einfach nur Grünzeug ist. Gina Heinrichs war zwar schon als Kind "mehr draußen als drinnen", liebte den Wald, mochte aber kein Gemüse, höchstens Erbsen und Möhren. Aber Vorlieben ändern sich, und als ihr Mann vor 20 Jahren unter dem Einfluss der Gesundheitswelle ("Esst weniger Salz!") mit einem Wildkräuterbuch nach Hause kam, beschloss das Paar an einem Sommertag, ein Brennessel- und Löwenzahnpesto auszuprobieren. Sie kochten Spaghetti, gossen die grüne Paste darüber - und: "Ungenießbar, es schmeckte scheußlich." Sie hatten nicht gewusst, dass man Löwenzahl im Frühling ernten muss, denn im Sommer schmeckt er bitter.

Manche Küchenerfahrung später begegnete sie bei einer Führung durch den VHS-Biogarten im Südpark einer Kräuterpädagogin und sie, die bis heute in ihrem Beruf als Heilpädagogin und Erzieherin arbeitet, war infiziert. "Das wollte ich auch erlernen." Seit sieben Jahren erzählt die 43-Jährige nun bei ihren eigenen Führungen, dass tatsächlich gegen jedes Zipperlein ein Kraut gewachsen ist. In ihrer Küche zuhause organisiert sie außerdem Workshops, bei denen sie demonstriert, wie nach Orangen und Lavendel duftende Seife gesiedet und kühlende Fußcreme für heiße Sommertage fabriziert wird.

An diesem frühen Sommermorgen bewundert sie mal wieder die üppig blühende Oase des Biogartens. An die 100 verschiedene Kräuter mögen hier wohl gedeihen. Manche ganz unscheinbar wie das Gänseblümchen, das so zart und sensibel wirkt, "aber ein willensstarkes Kraut ist", so die Expertin. Die Blüten schmecken leicht nussig, ähnlich wie Feldsalat und liefern Kalium, Calcium, Magnesium, Eisen und vieles mehr - wer hätte das gedacht? Schon steht Gina Heinrichs vor einem imposanten Gewächs, der Nachtkerze, die tatsächlich ihre gelben Blüten erst in der Dämmerung entfaltet, als Futterpflanze für Nachtfalter. "Ihre Blüten sind auch für uns essbar, ihre Blätter lassen sich ähnlich wie Spinat zubereiten, ihre Samenkörner schmecken im Müsli, und ihr Öl wirkt gegen Hautkrankheiten", weiß das Kräuterlexikon auf zwei Beinen.

Dass Gina Heinrichs selbst auch auf die Heilkräfte der Natur vertraut, ist nahe liegend. Wenn sie mal Kopfschmerzen hat, nimmt sie Mutterkraut, "hilft, nur die Wirkung lässt ein bisschen länger auf sich warten als bei einer Tablette." Als sie sich neulich einen Zeh brach, schmierte sie ihn mit selbst gemachter Salbe aus Beinwell ein und wickelte auch noch ein Beinwell-Blatt drumherum. Ihr Hausarzt schmunzelte und ließ sie gewähren, der Zeh war nach drei Wochen wieder heil. Bei einer Kollegin, die sich ebenfalls einen Zeh gebrochen hatte, dauerte es doppelt so lange.

Auf ihrer Internetseite "Die wilde Möhre" veröffentlicht sie auch immer mal wieder Rezepte aus ihrem Kräutergarten, hat sie doch selbst erfahren, dass man sich leichter und beschwingter fühlt, wenn man sich von all dem Grünzeug ernährt. Wer danach einen Ackerschachtelhalm-Salat zubereitet, wird nicht nur ein außergewöhnliches Geschmackserlebnis haben, sondern gleichzeitig erfahren, dass er reichlich Kieselsäure zu sich nimmt - gut für Haut und Bindegewebe ist.

Ach ja, der kredenzte Kräutertee schmeckte köstlich frisch und anregend. In der Kanne trafen Minze, Rosmarin, Zitronenverbene, Himbeerblätter und Johannisbeeren aufeinander - und tanzten auf der Zunge Ballett. Auf dem Weg zum Ausgang streicht sie über ein Kraut mit weißen winzigen Blüten: Mädesüß, das zu den Rosengewächsen zählt. "Geben Sie das mal mit Minze in einen Apfelsaft, das gibt eine feine Gartenlimonade." Wir glauben es sofort - und versuchen, die Gänseblümchen am Wegesrand nicht platt zu treten.

Quelle: RP
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