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Oberkassel
Zurück in die Vergangenheit

Oberkassel. Margritt Knippenberg wohnt in Ratingen. Gern und oft besucht sie ihre alte Heimat Oberkassel. Bei einem Rundgang zu den Stätten ihrer Kindheit zeigt sie, was früher war und heute ist. Von Heide-Ines Willner

Nachdenklich steht Margritt Knippenberg vor dem "Kyffhäuserblock", dem Wohnkomplex an der Luegallee. "Dort im Haus mit der Nummer 72 haben wir von 1947 bis 1954 gewohnt", sagt sie, "meine Eltern, mein Bruder und ich, damals war ich vier Jahre alt. Sie sucht die Fenster der ehemaligen Wohnung und ergänzt: "Meine Großtante hatte uns aufgenommen, denn unsere Wohnung in Derendorf war den Bomben zum Opfer gefallen." Schick und modern sei es im Kyffhäuserblock gewesen, mit hohen Decken, viel Platz, Toilette und Bad inbegriffen. Auch andere Verwandte hätten in dem Haus Platz gefunden. "Wenn ich uneins mit meinen Eltern war, bin ich hoch zu einer Tante gelaufen, die Puppen bastelte und auch verkaufte. Schließlich war Nachkriegszeit."

Trotzdem genoss die kleine Margritt eine unbeschwerte Kindheit. Es gab viele Kinder in der Nachbarschaft: "Renate wohnte im Haus Nummer 68. Sie ist leider schon gestorben." Und in Nummer 66 habe Ingrid gewohnt. "Wir sind Freundinnen fürs Leben geworden, auch wenn sie heute in München lebt." Und dann waren da noch die Nachbarjungen Dirk und Günter. Ohne Fernseher, von Handy und Internet ganz zu schweigen, waren die Kinder damals ganz auf ihre Fantasie angewiesen. "Wir spielten Eisdiele im Hof, machten kleine Löcher in den Boden, füllten diese mit Erde, Steinen und Unkraut - das war unser Nussschokoladen- oder Vanille-Eis.", erinnert sich die 74-Jährige. "Wir malten Hinkelkästchen auf die Platten des Gehwegs - die Kyffhäuserstraße hatte damals noch keinen Asphalt - und hüpften auf zwei oder einem Bein in den ,Himmel'. Wir versteckten und suchten uns, wir spielten ,Probe' mit Bällen und kickten mit den Fingern Tonkugeln in ein Loch", erklärt sie. "Und da drüben an der Ecke der Post stand Frau Rommerskirchen mit ihrem Bollerwagen und wunderschönen bunten Sommersträußen."

Margritt Knippenberg weiß noch alles, und fast scheint es, als trenne sie sich beim Spaziergang durch ihre alte Heimat nur schwer vom stattlichen Wohngebäude, das ihr einst Geborgenheit vermittelte. Doch gibt es weitere Stationen ihrer Kindheit, die sie mit Oberkassel verbindet. Zum Beispiel der St. Antonius-Kindergarten, der sich damals an der Stelle des heutigen Canisiushauses befand. "Mein vier Jahre älterer Bruder brachte mich über die damals schon gefährliche Luegallee."

Ihre Schulzeit begann in der katholischen Volksschule an der Lanker Straße, die in jüngster Zeit in ein Wohngebäude umgebaut wurde. "Dort war meine Klasse", sagt sie und zeigt auf die Fenster im Erdgeschoss. Weiter geht es zur Arnulfstraße. "Dort, wo jetzt die Diakonie Räume hat, gab es einst eine Turnhalle und eine Badeanstalt, in der Wannenbäder zu mieten waren." Nach der Volksschulzeit wechselte die Schülerin Margritt zum Cecilien-Gymnasium. Als ihr Blick auf das alte Comenius-Gymnasium fällt, sagt sie: "Dort war ich zwei Jahre, weil die Cecilienschule im Krieg zerstört worden war." Sie sei immer ein bisschen spät dran gewesen. "Ich bin meist zur Schule gerannt."

Einen kurzen Augenblick verharrt sie am heutigen Feuerwehrspielplatz. "Es gab dort einen großen privaten Garten. Ich habe bei der Kartoffelernte geholfen." Auf dem Weg zurück zur Luegallee öffnet sie ihr Schatzkästchen der Erinnerung und denkt an das Rheinische Schwarzbrot von Bäcker Menke (dort ist heute ein glutenfreies Café), die Süßigkeiten von Frau Radisch (das Büdchen an der Luegallee gibt es heute noch) oder das Milchgeschäft Hendrix an der Oberkasseler Straße (heute Versicherungsbüro). "Herr Hendrix gab mir oft kostenlos Milch für meine Puppenkanne mit."

Ein Einschnitt war, als die Familie 1954 eine eigene Wohnung rechts des Rheins bekam. "Meine Mutter war den ganzen Tag traurig, weil sie Oberkassel verlassen musste." Tochter Margritt blieb aber Schülerin des Cecilien-Gymnasiums bis zur Mittleren Reife. Dann schloss sie eine Bürolehre bei Mannesmann ab und strebte nach eigenen vier Wänden. "Ich zog nach Oberkassel zurück." Eine enge Beziehung hatte sie zur St. Antoniuskirche, die damals Dechant König prägte. "Ich habe bei ihm gebeichtet, bin zur Kommunion gegangen, habe mit Klassenkameradinnen in weißen Kleidern am Altar gestanden und Marienlieder gesprochen." Damals haben Kinder noch auswendig lernen müssen. Im Chor von Paul Hilberath habe sie auch gesungen und ehrenamtlich in der Pfarrbücherei bei Inge Heinrichs geholfen. Sie besucht die Kirche gern, denn auch der Name ihres Onkels Hans Meyer ist neben vielen anderen Gefallenen im Rund des Kriegerdenkmals zu entdecken.

"Die Kindheit war wunderschön", stellt sie ohne Wehmut fest. Wenn ich durch die Stadt gehe, sind alle gestorbenen Menschen bei mir: Vater, Mutter, Patentante und Großtante. Ein Spaziergang in die Vergangenheit sei schöner als eine Reise nach Hawaii.

Quelle: RP
 
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