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Pempelfort
Führung erkundet jüdisches Leben

Pempelfort. In Düsseldorf gibt es die drittgrößte jüdische Gemeinde Deutschlands. Die Mahn- und Gedenkstätte zeigt wichtige Orte. Von Alexandra Wehrmann

Der Rabbi ist verhindert. Rabbiner Ahrens, der den Rundgang eigentlich leiten sollte, musste kurzfristig zu einem Kongress nach Zürich. Für ihn eingesprungen ist, so viel zum Miteinander der Religionen und Kulturen, ein rheinischer Katholik: Bastian Fleermann, Historiker und Leiter der Mahn- und Gedenkstätte. Vor dem wuchtigen, neobarocken Bau des Oberlandesgerichts an der Cecilienallee begrüßt Fleermann ein heterogenes Grüppchen von rund 25 Düsseldorfern. Sie möchten mit ihm gemeinsam jene Straßenzüge Derendorfs erkunden, in denen sich das jüdische Leben - gemeinhin eher unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit - abspielt. "Im Oberlandesgericht fand nach Ende des Zweiten Weltkriegs der Wiederbeginn des jüdischen Lebens statt", erklärt Fleermann die Wahl des Treffpunkts. Zählte die jüdische Gemeinde im Jahr 1933 noch 5500 Mitglieder, waren es nach Kriegsende gerade einmal 57. Ihr Gotteshaus, die Synagoge an der Kasernenstraße, hatten die Nazis 1938 in Schutt und Asche gelegt. Für eine Übergangszeit von drei Jahren diente den Düsseldorfer Juden also ausgerechnet ein Ort als Interimsheimat, an dem zahllose nationalsozialistische Unrechtsurteile gefällt wurden.

Vorbei an den wunderschönen Altbauten auf der Zietenstraße erreichen wir wenig später die Synagoge. Seit dem Brandanschlag im Jahr 2000 steht das Gebäude rund um die Uhr unter Polizeischutz. 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Die Beamten, die den 50er-Jahre-Bau sichern, versehen ihren Dienst in einer Art Bushaltestellenhäuschen mit bestem Blick auf den Haupteingang der Synagoge. Unangekündigt hat hier niemand, der nicht zur Gemeinde gehört, Zutritt. Auch unsere Gruppe wurde angemeldet, die Namen sämtlicher Rundgangsteilnehmer vorab übermittelt. "Hat jemand gefährliche Gegenstände dabei?" Allgemeines Kopfschütteln. Wir dürfen die Sicherheitsschleuse passieren. Trotz derartiger Vorkehrungen gilt die jüdische Gemeinde, wie Fleermann betont, als offen und liberal. Der hohe Aufwand, der in Sachen Sicherheit betrieben wird, hat dennoch auch im Jahr 2017 viele Gründe. "Täglich gehen hier Hassbriefe und E-Mails ein", weiß Fleermann. Sie würden in dicken Ordnern gesammelt. Das Gelände des benachbarten Kindergartens ist mit einem Netz gesichert, so dass keine Gegenstände über die ohnehin hohe Mauer in den Innenhof geworfen werden können.

7400 Mitglieder zählt die jüdische Gemeinde Düsseldorf derzeit. Damit ist sie nach Berlin und München die drittgrößte Deutschlands. Den zahlenmäßigen Aufschwung verdankt man dem Fall des Eisernen Vorhangs. Im Anschluss kamen viele Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, aus Russland, der Ukraine oder dem Baltikum an den Rhein. Sie machen heute 80 Prozent der Gemeinde aus. "Wenn also irgendwo Multikultur wirklich gelebt wird, dann hier", findet Fleermann. Wenig später stehen wir im Altarraum. Vor uns liegt die Gebetsrolle, die sogenannte Tora. Bis heute wird sie mit der Hand geschrieben, mit Feder und Tinte, auf Pergamentpapier. Entsprechend hoch ist der Wert der Rolle: Eine Tora kann mehrere hunderttausend Dollar kosten. Ist sie irgendwann abgenutzt, wird sie übrigens nicht einfach in den Restmüll entsorgt. Sondern auf einem jüdischen Friedhof bestattet. Das ist nur eins von zahllosen Details, die den meisten Teilnehmern des Rundgangs neu sein dürften. Auch darüber hinaus mehren sich die Fragen: Warum sitzen Männer und Frauen in der Synagoge getrennt? Wo wird die Beschneidung durchgeführt? Kann man als Nicht-Jude am Sabbat-Gebet teilnehmen? Und gibt es eigentlich auch weibliche Rabbis? Auf letztgenannte Frage weiß eine ältere Dame aus der Gruppe Antwort, die ohnehin ausnehmend gut informiert ist. Sie erzählt von Elisa Klapheck, der Tochter des Künstlers Konrad Klapheck, die in Frankfurt als Rabbinerin arbeitet.

Einen männlichen Kollegen von Frau Klapheck treffen wir an der nächsten Station: Rabbiner Barkahn begrüßt uns in einer Toreinfahrt an der Bankstraße. "Schalom." Er lächelt in die Runde. Der bärtige Rabbi trägt einen schwarzen Anzug zum schwarzen Hut, dazu eine farbig karierte Krawatte. Seit 16 Jahren ist er in Düsseldorf. Er arbeitet für "Chabad Lubavitch", eine orthodoxe Organisation, die unabhängig von der jüdischen Gemeinde operiert und sich durch Spenden finanziert. Die unscheinbaren Flachbauten im Hinterhof beherbergen neben einem winzigen Laden für koschere Lebensmittel auch eine weitere Synagoge. Mit Gardinen versehene Trennwände teilen in dem kleinen Raum den größeren Bereich für Männer von dem kleineren für Frauen ab. Die Damen hören also die singend vorgetragenen Worte aus der Tora, können den Chazan (Vorsänger) aber nicht sehen. Grundsätzlich gehe es natürlich darum, die Frauen vor den Blicken der Männer zu schützen, erklärt Rabbi Barkahn. In modernen Synagogen habe man für das Problem bereits eine Lösung gefunden. Dort wurden Glasscheiben installiert, die nur von einer Seite aus durchsichtig sind.

Quelle: RP
 
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