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Flucht vor Holocaust
Rückkehr nach Düsseldorf-Pempelfort nach 77 Jahren

Flucht vor Holocaust: Rückkehr nach Düsseldorf-Pempelfort nach 77 Jahren
Hannah Sutton steht mit Bastian Fleermann am Grab ihrer Großeltern auf dem alten jüdischen Friedhof an der Ulmenstraße. FOTO: Andreas Endermann
Pempelfort. Hannah Sutton floh 1938 mit ihrer Familie aus Düsseldorf-Pempelfort nach Großbritannien. Jetzt ist die 80-Jährige an ihren Geburtsort zurückgekehrt und ist zurzeit auf Spurensuche in der Stadt. Von Torsten Thissen

Hannah Sutton weiß nicht, was reale Erinnerung ist und wo sich ihre Erinnerung mit dem mischt, was sie gelesen hat und ihr als Kind von den Eltern erzählt wurde. Ja, es gibt etwas in ihrem Bewusstsein aus der Parkstraße 74, hier lebte sie mit ihrer Familie damals, ein Bild: sie in ihrem Gitterbett, ein Wohnzimmer, die Mutter. Mehr sei da aber nicht, doch dann berichtet ihre Tochter Catherine Green-Anthony von den Flammen und den Geräuschen von zersplitterndem Glas, die sie doch in ihren Alpträumen verfolgen, aber davon möchte Hannah Sutton eigentlich nicht erzählen.

Es ist ihr auch so schon peinlich genug, dieser ganze Aufwand, die Fotos. Der Empfang beim Oberbürgermeister im Rathaus zum Beispiel, sie sei ja keine prominente Person, sagte sie da und schaut nun ein wenig ungläubig auf die Fassade der Parkstraße 74. Hier also lebte sie, bis sie drei Jahre alt war, bis zum 9. November 1938, ein Tag, der als "Kristallnacht" in die Geschichte einging und der das Leben der Hannah Oppenheimer, wie sie damals hieß, so veränderte.

Damals wurde ihre Familie überfallen, die Mutter verletzt, der Vater ins KZ Dachau verschleppt, die Einrichtung zerstört, die Familie musste in ein Hotel ziehen und entschloss sich nach der Rückkehr des Vaters - damals kamen manche noch zurück - zur Migration. Erst Großbritannien, dann USA. Hätten sie sich anders entschlossen, wäre Hannah Sutton heute wahrscheinlich tot, ermordet wie viele in ihrer Familie.

Hannah Sutton hadert nicht damit, sie habe Glück gehabt, sagt sie, doch als sie dann den alten jüdischen Friedhof in der Ulmenstraße betritt, merkt man ihr die Nervosität schon an. Hier liegen ihre Großeltern, Vater und Mutter ihres Vaters, die sie zwar nie kennengelernt hat, aber über die sie einiges aus den Erzählungen ihres Vaters weiß. Sie hat zwei Bilder von ihnen nach Deutschland mitgenommen, ihr Vater trug sie jahrelang als Schlüsselanhänger. Suchend geht sie über den Friedhof, auf dem bis 1922 die Düsseldorfer jüdischen Glaubens ihre Toten bestatteten.

Gräber namhafter Familien sind hier, Rabbiner, Industrielle, Familien, die nicht zuletzt die Düsseldorfer Stadtgeschichte geprägt haben. Bastian Fleermann von der Mahn- und Gedenkstätte erklärt, hebt einzelne Grabsteine hervor und macht sich schließlich gemeinsam mit Hannah Sutton auf die Suche nach dem Grab der Familie ihres Vaters. Es ist das größte in der Umgebung, eine wohl drei Meter hohe Säule aus Naturstein. Catherine Green-Anthony fotografiert ihre Mutter. Auch für sie ist es ein bewegender Moment, "auch du bist ein Stück weit Oppenheimer", sagt Hannah Sutton zu ihr lachend. Natürlich sei sie das, sagt die Tochter, "immerhin liegen hier meine Urgroßeltern."

Deutschland und Düsseldorf seien immer ein Thema gewesen in ihrer Familie, sagt Catherine Green-Anthony. Sie habe viel Zeit bei ihren Großeltern verbracht, dort habe man deutsch gesprochen und im Alltag das klassische Leben einer deutsch-jüdischen Familie gelebt. Man habe auch über die Verwandten gesprochen, die von den Nazis ermordet wurden. "Selbst meine Nichten sind noch von der Geschichte unserer Familie geprägt", sagt sie. Hannah Sutton wird noch bis Samstag in Düsseldorf zu Besuch sein.

Quelle: RP
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