| 00.00 Uhr

Reisholz
Gegensätze bei der Sammlung Philara

Reisholz. Mit großformatigen Fotos der Serie Case History von Boris Mikhailov und filigranen Zeichnungen von Viktoria Strecker wird heute die Ausstellung im Reisholzer Atelierhaus eröffnet. Von Bernd Schuknecht

Mit großformatigen Fotos der Serie Case History von Boris Mikhailov und den filigranen Zeichnungen von Viktoria Strecker werden ab heute künstlerische Arbeiten im Reisholzer Atelierhaus gezeigt, wie sie unterschiedlicher in Machart und Intention nicht sein könnten. Aber gerade wegen ihrer Gegensätzlichkeit bilden sie eine äußerst reizvolle Beziehung. Wer sich also die Mikhailov-Ausstellung im dritten Obergeschoss des Atelierhauses ansieht, sollte unbedingt auch dem Showroom im Untergeschoss einen Besuch abstatten.

Die Sammlung Philara zeigt Fotos von Boris Mikhailov, der Menschen in seiner ukrainischen Heimatstadt Charkov abgelichtet hat, die zu den Verlierern des Zusammenbruchs der UdSSR zählen. Menschen, die es per früherer sowjetischer Lesart überhaupt nicht geben durfte, wie drogensüchtige Kinder, junge Prostituierte, Obdachlose und Paare, denen nichts geblieben ist als ihre Nacktheit.

Sie alle versuchen eine Gemeinsamkeit zu beschwören, verwechseln jedoch Lebensfreude mit Lösungsmittel-Rausch und demonstrieren, fast trotzig mit einem tätowierten Lenin auf der Brust, dass das nackte Leben auch noch entbehrungsreicher sein könnte. Da zeigen Menschen ein nahezu fleischloses Gerippe für die Suppe, ihre Schlafstelle auf der Straße, die mit frischen grünen Ästen und Blättern gepolstert ist, oder die Freude auf ein Bad in einem unsäglich schmutzigen Badezimmer.

Der mittlerweile 77-jährige Filmer und Fotograf Mikhailov, der bereits 56 Jahre alt war, als er über ein Berliner Stipendium zur Kunstfotografie kam, ist kein Fotograf mit dokumentarischem Selbstverständnis. Er ist vielmehr ein Konzeptkünstler, was er maßgeblich mit dem Akt einer älteren Frau mit Apfel im Birkenwald und dessen deutlichen biblischen Bezug unterstreicht.

"Seltene Erden" hat Viktoria Strecker ihre Zeichnungen genannt, die sie auf Papierstreifen (Format 330 cm x 32 cm) wie Stores im Showroom UG drapiert hat. Das Zeichnen mit Kugelschreiber ist für sie die direkteste, intuitivste und damit auch freieste Art der künstlerischen Äußerung. Sie zeichnet ihre filigranen Muster, manche ähneln medizinischen Abbildungen von Wirbelsäulen, beidhändig - wobei sie versucht, das Handicap der linken Hand auszugleichen. Insofern besitzt für sie der künstlerische Schöpfungsprozess neben einem meditativen Aspekt auch etwas Selbsterkenntnishaftes. Bei anderen Bildern hat sie mit Hilfe einer Uhr einen Code für das Alphabet gefunden, nach dem Texte eher wie gezeichnete Galaxien ähneln.

Im Walzwerk Null, dem vom Kulturamt geförderten Ausstellungsraum für Fotografie, sind Arbeiten von Nadine Decker zu sehen.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Reisholz: Gegensätze bei der Sammlung Philara


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.