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Stadtmitte
Die unbekannte Bibliothek der Stadt

Stadtmitte. Auch nach 70 Jahren ist die britische Bibliothek in der City ein Geheimtipp. Dabei schrieb Günter Grass einst sogar in der "Blechtrommel" über sie. Von Semiha Ünlü

Auf der Suche nach englischsprachigen Büchern landete Michael Tauschhuber wie so viele andere Düsseldorfer in der Zentralbibliothek am Bertha-von-Suttner-Platz. Denn die "International English Library" war schon vor einigen Jahren ein Geheimtipp und dass obwohl sie mit mehr als 27.000 Büchern, Filmen, Hörbüchern, Zeitungen und Zeitschriften über das größte und umfangreichste Angebot in der Stadt verfügt und eine lange Geschichte hat. So erzählt Oskar Matzerath in Günter Grass' "Blechtrommel" davon, wie er nach dem Krieg "nahezu kostenlos im Kreis von tausend Nachhol- und Bildungsbeflissenen" Kurse an der Volkshochschule belegt und "Stammgast im British Center, ,Die Brücke' genannt", wird.

Die "Brücken" waren Bildungs-, Kultur- und Begegnungszentren, die die Briten ab 1946 in ihrer Besatzungszone ins Leben riefen, um die Deutschen "umzuerziehen" und einen Austausch zu ermöglichen. Zu der Düsseldorfer "Brücke", die anfangs im Carsch-Haus untergebracht war, gehörte eben auch eine Bibliothek. Längst ist die Einrichtung im Anbau des Wilhelm-Marx-Haus aber vor allem ein Ort, an dem englische Muttersprachler aus Ländern wie Großbritannien, Indien und den USA sowie Englisch-Liebhaber wie Michael Tauschhuber gerne schmökern. Zum Beispiel in Klassikern von Shakespeare, Sir Arthur Conan Doyle und Jane Austen. "Viele kommen aber auch, um nach den neuesten Romanen zu schauen, sich eine Biografie oder einen Film auszuleihen, Tageszeitungen und Magazine zu lesen oder Kinderbücher auszuleihen", sagt Tauschhuber, der sich inzwischen ehrenamtlich für die Bibliothek starkmacht: Er leitet den Förderverein, der die Einrichtung 1999 übernommen hatte, um die Schließung des Hauses zu verhindern. Nur durch Mitgliedsbeiträge und Spenden und eine maßgebliche Unterstützung durch die Stadt sei es möglich, die Arbeit fortzuführen, sagt der Vereinsvorsitzende.

Denn so exklusiv ein Geheimtipp klingt, ist es gleichzeitig das größte Problem der Einrichtung: Zu wenige Menschen wissen von der "International English Library" an der Kasernenstraße 6, zu wenige werden dort Mitglied. So hat der Verein zurzeit nur 500 Mitglieder, 40 Prozent sind Deutsche, danach folgen Briten, Amerikaner und Inder.

Daran will Tauschhuber, der in der Marketing-Branche arbeitet, mit seinem Team (38 Ehrenamtler, zwei Festangestellte) etwas ändern. So wirbt man nun etwa in sozialen Medien für sich und macht auf Veranstaltungen vor Ort aufmerksam. Am 9. Juni kann man sich zum Beispiel ab 18 Uhr im "Buch-Club" auf Englisch über den Roman "Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra" von Robin Sloan austauschen (Anmeldung erforderlich). Eltern mit Kleinkindern zwischen zwölf und 18 Monaten können montags ab 11.30 Uhr an einer englischen Vorlesestunde teilnehmen; in der Stunde werden auch gemeinsam Kinderlieder gesungen (keine Anmeldung). Denkbar seien zudem Kooperationen mit anderen (Bildungs-) Einrichtungen in der Stadt.

Michael Tauschhuber weiß noch, wie er das erste mal in der britischen Bibliothek an der Kasernenstraße 6 war. "Das erste Buch, das ich mir damals auslieh, war ein Krimi von Agatha Christie. Das weiß ich noch ganz genau", sagt er und lächelt. Es sei schade, wenn noch immer viele Düsseldorfer auf der Suche nach englischen Büchern in der Zentralbibliothek am Bertha-von-Suttner-Platz landeten.

Doch noch ist das traditionsreiche Haus eben die unbekannte Bibliothek der Stadt.

Quelle: RP
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