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Stadtmitte
Eine Reise zu verschwundenen Orten

Stadtmitte. Unter dem Leitspruch "Wie Sie sehen, sehen Sie nichts" führte Journalistin Alexandra Wehrmann Teilnehmer einer alternativen Stadtführung an Orte, die nicht mehr existieren. Von Sven-André Dreyer

Nach Frittenfett und gegrillten Hähnchen riecht es an der Harkortstraße unweit des Mintropplatzes schon lange nicht mehr. Dort, wo einst eine Imbissbude stand, ist nun eine unspektakuläre Baustellenauffahrt zu sehen. Rot-weißes Flatterband verhindert unberechtigtes Parken, das ehemalige Gebäude der Bundespolizei und der alte Bahnschuppen sind bereits abgerissen. Und auch die alteingesessene Bude am Fuße der einstigen Geländemauer wurde schon abgetragen, denn auf dem ehemaligen Bahn-Grundstück dahinter entsteht ein neues Wohnquartier.

"Dabei gab es hier die beste Currywurst der Stadt", sagt Volker Neupert (55). Ganz besonders die würzige Soße habe es ihm schon während seines Studiums angetan, berichtet der Sozialwissenschaftler. "Die allein war für mich der Grund, der Frittenbude in Bahnhofsnähe rund 25 Jahre lang bis zur Schließung die Treue zu halten", sagt er und wendet sich ein wenig wehmütig seinen Zuhörern zu. Die nehmen an diesem Tag an einer ungewöhnlichen Stadtführung mit dem Titel "Verschwundene Orte" teil. Neupert ist einer von insgesamt fünf Experten, die Journalistin Alexandra Wehrmann (45) eingeladen hat, von diesen besonderen Orten zu berichten. Orte, die heute nicht mehr existieren, darunter viele, die den Bürgern lieb und teuer waren.

An jeder der ausgewählten Stationen treffen die Stadtrundgänger einen Menschen, der eng mit dem jeweiligen Ort verbunden war und einiges berichten kann. Und auch, wenn man nicht viel sieht, erfahren die Teilnehmer einiges: "Den Wandel einer Stadt bemerkt man häufig über die plötzliche Veränderung vertrauter Orte", sagt Wehrmann. "Die sind vielen Menschen noch im Gedächtnis, sehen aber kann man sie nicht mehr."

Parallel zu den Ausführungen des Gastdozenten zeigt sie Fotos des ursprünglichen Zustands. So des denkmalgeschützten Tausendfüßlers, der 2013 dem Großprojekt Kö-Bogen weichen musste. Für den Erhalt der Anfang der 1960er Jahre errichteten Autohochstraße engagierte sich damals unter anderem Künstlerin Susanne Troesser (57), die an der Kunstakademie Bildhauerei studiert hat. Emotional berichtet sie am neugestalteten Martin-Luther-Platz, dort wo die Straße einst in Richtung Berliner Allee hinab führte, von der Ästhetik der außergewöhnlichen Konstruktion und dem Gefühl, die Hochstraße zu befahren: "Der Tausendfüßler hatte etwas Skulpturales und Filigranes. Befuhr man sie, war es fast so, als würde man fliegen", sagt Troesser und weist daraufhin, dass Denkmalschutz gerade dazu diene, plötzlich Unpopuläres zu erhalten.

Als ebenfalls nicht mehr zeitgemäß wurde 2002 offensichtlich auch die Mata-Hari-Passage an der Flinger Straße empfunden. Dort, wo heute eine amerikanische FastfoodKette ein Ladenlokal betreibt, gab es einst eine bunte Mischung unterschiedlicher Geschäfte und Gastronomiebetriebe. "In dem Bistro der Passage waren häufig die Musiker der Gruppe Kraftwerk zu Gast", weiß Michael Wenzel (46), ebenfalls Journalist und Moderator des alternativen Stadtrundgangs. Und auch die 2012 verstorbene Popdiva Whitney Houston soll hier, in einem Geschäft für ausgefallene Lederbekleidung, während eines Besuchs der Altstadt eingekauft haben. "Der Plattenladen ,Sounds good' bot ganz spezielle House- und Acid-Platten an und führte namhafte DJs hier her", ergänzt Norbert Schulz (49), der in den frühen 90er Jahren als Friseur in der Passage arbeitete.

Quelle: RP
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