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Unterbach
Surfen mit Handicap

Unterbach. Beinamputierte haben bei einem Surfcamp am Unterbacher See die Chance, ein neues Körpergefühl zu entwickeln. Von Marc Ingel

Anfangs stehen sie noch recht wacklig auf dem Brett, fallen ins Wasser, klettern aber ohne zu verzagen wieder hoch und versuchen es erneut. Zwei Stunden später muss man schon genau hinschauen, um zu erkennen, dass die Teilnehmer des Surfcamps eine Prothese tragen. Alles eine Frage der Körperbeherrschung und des Gleichgewichtssinns.

Der zwei Jahre alte Film vom ersten "Amp-Surfcamp" in Langen beweist, dass auch eine Beinamputation nicht das Ende aller Wassersportträume bedeuten muss - auch wenn bei dem Trainingstag "nur" Stand-up-Paddling (also stehend auf dem Surfbrett paddeln) im Vordergrund steht. Die dritte Auflage findet jetzt am 26. August ab 14.30 Uhr am Unterbacher See statt, interessierte Betroffene können sich noch anmelden. Mit im Boot ist die Surfschule Surf'n'Kite am Südstrand des Erholungsgebietes.

"Es geht dabei nicht nur um Sport, man soll auch die Möglichkeit erhalten, sich kennenzulernen und auszutauschen", erklärt Vanessa Waggeling, die das Camp für das Düsseldorfer Unternehmen Kaasa Health wissenschaftlich mitbetreut. Denn das Angebot am Unterbacher See ist ein Baustein von zwei breit angelegten Forschungsprojekten - basierend auf einer Dissertation -, die sich den Therapiemethoden gegen den Phantomschmerz von Patienten nach Arm- oder Beinamputationen widmen. Ausgangspunkt der Überlegungen ist die Spiegeltherapie, bei der das menschliche Gehirn quasi überlistet und dem Patienten vor einem Spiegel die Illusion vermittelt wird, er verfüge über zwei gesunde Extremitäten. Mit Hilfe virtueller Realität und computerspielbasierten Elementen soll Betroffenen jedoch geholfen werden, entsprechende Übungen bequem mobil und ohne großen Aufwand zu Hause durchführen zu können. Die aktuelle, vom Wirtschaftsministerium geförderte Idee knüpft an ein ganz ähnlich aufgebautes, vom Land NRW und der EU unterstütztes Projekt an, das im Rahmen der Telerehabilitation vorrangig auf die Entwicklung einer Software für Tablet-PCs abzielt. 75 Personen nahmen an einer entsprechenden Studie teil.

Wie groß das Interesse an wirksamen Therapien auf diesem offensichtlich vernachlässigten medizinischen Gebiet ist, lässt sich an der Zahl der Kooperationspartner ablesen, die das Surfcamp in Unterbach unterstützen. Kliniken, Ministerien oder auch die Universität Maastricht haben ein Interesse daran, mehr darüber zu erfahren, wie sich der Phantomschmerz wirksam bekämpfen oder zumindest reduzieren lässt. "Und auch so eine Erfahrung, wie Patienten sie bei dem Surfcamp machen, die das Selbstbewusstsein stärken, kann zur Heilung beitragen", weiß Projektmanagerin Waggeling zu berichten.

Initiator der Idee ist Thomas Frey, selbst Betroffener und Patientenvertreter bei den durchgeführten Studien, der auch an der Konzeption des Camps mitgewirkt hat. Das kleine Trainingslager am Wasser, das mit einem lockeren Empfang, Aufwärmtraining und genauen Instruktionen beginnt, ehe es auf das Surfbrett geht, biete immer auch die Gelegenheit für Freunde und Angehörige, sich einen netten Nachmittag zusammen mit den Teilnehmern zu machen, sagt Waggeling, Es sei dabei übrigens nicht ausgeschlossen, dass die amputierten Teilnehmer sich auch ohne ihre Prothese auf das Brett wagen, "aber dafür benötigt man natürlich schon einen enormen Gleichgewichtssinn", sagt die Physiotherapeutin.

Quelle: RP
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