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Unterbilk
Ideenwerkstatt Liesegang-Fabrik

Unterbilk. Vor 15 Jahren wurden auf dem Gelände noch Diaprojektoren hergestellt. Heute arbeiten dort vor allem Künstler. Von Nicole Kampe

Ein paar schmutzige Stellen sind auf den sonst weißen Mauern zu erkennen, die deckenhohen Fenster spiegeln die Sonnenstrahlen in Richtung Toreinfahrt. Das Pförtnerhäuschen ist nicht besetzt, nicht mehr - längst werden keine Diaprojektoren und Lichtvorführgeräte auf dem Gelände an der Volmerswerther Straße mehr produziert. Vorbei sind die Zeiten, heute ist alles digital. Dass in der alten Liesegang-Fabrik aber noch immer Leben steckt, vermutlich mehr denn je, das wissen inzwischen nicht mehr nur Insider. "Immer wieder stehen Leute bei uns im Laden und fragen, ob etwas frei ist hier", erzählt Nadia-Alexia Challah, die gemeinsam mit ihrem Mann Giorgos Pachiadakis den griechischen Feinkost-Laden Taste Greece betreibt. Ihr Schild ist es auch, das erste Hinweise auf das neue Leben in der Fabrik gibt, dass etwas anders ist als früher, dass ungewöhnliche Menschen mit ungewöhnlichen Ideen an einem ungewöhnlichen Ort arbeiten.

Gleich neben Taste Greece verleiht Gisela Radloff Smokings - an Geschäftsleute für Galas oder Abendtermine oder Bräutigame. Ihr Nachbar ist Schmuckdesigner Michael Vogel, der moderne, zeitgenössische Stücke aus Edelmetallen, Farbsteinen oder auch mal Rehbockhörnern fertigt. Außerdem im Innenhof: Babette Beckmann mit ihrem Taschen-Design und Ela Holscher-Di Marco sowie Mann Antonio mit ihrer avantgardistischen Mode.

Ein paar Schritte weiter führt eine Tür in das Nachbarhaus - ein gutes Dutzend knarrende Treppenstufen später wartet schon Inge Kallenborn. Vor einem Jahr ist sie von der Luegallee nach Unterbilk gezogen, klassische Mode für Frauen designt sie im ersten Stock. Mit ihren Röcken und Blusen, Hosen und Mänteln tourt Kallenborn auch gerne durch Deutschland, ihre Stoffe bezieht sie aus Frankreich und Italien. Einmal um die Ecke, durch einen langen Flug, haben Porträtfotografin Susanne Günther und Bildhauer Peter Ripka einen Raum gefunden. Er arbeitet gerne mit Ton, stellt vor allem figürliche Skulpturen her - "Gesichter und Köpfe".

Wieder sind da alte Holztreppen, um in Hilli Hasemers Atelier zu gelangen. Eigentlich ist sie Malerin, ein Fan von großformatigen Bildern. Aber vor einigen Jahren hat sie heimlich Fotos von Besuchern im Louvre gemacht, die gerade mit ihrer Kamera die Mona Lisa ablichteten. "Nachdem ich dann den Besuchern die Fotos gezeigt hatte, waren sie alle begeistert", sagt Hasemer. Das Ergebnis hängt an einer Wand ihres Ateliers: 100 Fotos, die Displays mit der Mona Lisa und Finger, Hände und Hinterköpfe zeigen. "Die Bilder sollen jetzt einzeln verkauft werden", sagt die Künstlerin. Mit dem Erlös will sie einer Syrerin die Ausbildung finanzieren. Unter dem Dach schließlich hat es sich Judith Maria Kleintjes gemütlich gemacht. Dort hat sie so viele Fenster, dass sie kaum künstliches Licht benötigt. Vom Gefühl her, sagt sie, ist sie Zeichnerin. Im Moment aber hat es ihr Porzellan angetan.

Durch einen langen Flur, viele Türen - manche offen, manche abgeschlossen - Treppen rauf, Treppen runter, geht es in den nächsten Trakt, wo Bildhauerin Ina Diemer im Erdgeschoss und Keramik-Künstler Ulrich Schmitz eine Etage drüber ihre Ateliers haben. "Alles handgemacht auf der Töpferscheibe", sagt Schmitz, der wie viele andere einen Platz für seine Ideen in der Liesegang-Fabrik gefunden hat. Viele sind Freunde geworden und ein bisschen auch Familie - und sie haben aus einem sterbenden Ort etwas Lebendiges gemacht.

Quelle: RP
 
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