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Wittlaer
Kita wird zur spielzeugfreien Zone

Wittlaer. Pappe und Polster statt Puppe und Puzzle - in der Kindertagesstätte St. Remigius sollen die Kinder in den nächsten Wochen ohne Spielzeug auskommen. Langweilig ist es deswegen aber nicht: Sie entdecken für sich neue Spiele. Von Julia Brabeck

Maria, Friederike und Mathilda haben es sich in einer Ecke gemütlich gemacht. Sie liegen auf dem Boden, rudern mit den Armen und haben dabei die Beine überkreuz in die Luft gestreckt. "Wir sind Meerjungfrauen und wurden gerade gefangen", erklärt Maria das Phantasiespiel. Viele Hilfsmittel benötigen die drei Freundinnen dafür nicht. Zwei blaue Decken dienen im Wechsel als Meer oder als Fesseln. Und viel mehr hätten die Mädchen sowieso nicht zur Verfügung, denn in der Kita St. Remigius wurde für zwei Monate das gesamte Spielzeug verbannt. "Das finde ich gut, denn dafür dürfen wir andere Dinge machen, zum Beispiel immer in die Turnhalle gehen", sagt Maria.

Noch bis zu den Sommerferien läuft das Projekt. "Und bisher sehr gut", sagt Leiterin Birgit Romich. Das mag daran liegen, dass Eltern und Kinder intensiv auf diese spielzeugfreie Zeit vorbereitet wurden. Den Kindern wurde mit einer Handpuppe erklärt, dass die Spielsachen in Urlaub gehen und sie durften mithelfen, alle Regale leer zu räumen. Alle Spiele, Puzzle, Verkleidungskisten, Lego und Autos, Bastelmaterialien und sogar das Sandspielzeug verschwanden so. Den Eltern wurde das Konzept bei einem Informationsabend vorgestellt. "Einige hatten Bedenken, dass die kleineren Kinder nicht mehr kognitiv gefördert werden. Viele waren aber begeistert von der Idee, zumal die Kinder in der Zeit andere Fähigkeiten entwickeln sollen", so Romich.

Dazu gehört es, sich selbst zu beschäftigen und auch Dinge wie Bastelmaterial selber einzufordern. Denn Kartons, Stoffe, Papprollen, Korken und Becher stehen den Kindern haufenweise bereit. "Sie müssen aber danach fragen, was auch gelernt sein will, denn wir bieten nichts an", so Romich. Sich so zurückzuhalten, sei für die Erzieher eine Herausforderung, die gewohnt wären, Angebote zu machen und anzuleiten. Diese beobachten nun vor allen Dingen die Kinder und erstellen für die Eltern eine Art Tagebuch über die Projektzeit.

"Für uns war es spannend zu sehen, wie die Kinder in den ersten Tagen an vertrauten Ritualen festgehalten haben. Sie haben den Stuhlkreis einberufen und das Begrüßungslied gesungen", sagt die Leiterin. Das sei inzwischen mehr rückläufig. Die Kinder würden nun andere Möglichkeiten der spielzeugfreien Zeit entdecken und Grenzen erproben. Dazu gehört es etwa jederzeit in das Außengelände oder den Bewegungsraum zu dürfen, sich dort aber mit den anderen Kindern auch auseinandersetzen zu müssen. "Ich finde das toll und spiele mit Moritz, dass wir Ninjas sind", sagt Rafael. Auf die Frage, was er dafür bräuchte, antwortet er etwas irritiert: "Ja nix natürlich."

"Hier entsteht eine große Kreativität und die Kinder entwickeln sehr viel Phantasie", sagt Romich. So hat Felix eine Saftmaschine aus Papprollen gebastelt und im Turnraum entstehen ganze Landschaften aus Bauelementen, Decken und Kartons, die dann bespielt werden. "Anni ist jedenfalls sehr zufrieden und fühlt sich gar nicht eingeschränkt und vermisst noch nichts", sagt Kerstin Warnke, Mutter der Sechsjährigen.

"Einige Kinder wissen noch nicht so recht, etwas mit sich anzufangen. Ich gehe aber davon aus, dass sie das auch immer besser lernen", so Romich. Gerade für zurückhaltende Charaktere sei die Zeit wichtig, da die Kinder lernen würden, eigenverantwortlich zu handeln und persönliche Bedürfnisse zu entwickeln.

Quelle: RP
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