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Düsseldorf
Stimmabgabe im größten Wahllokal in NRW

Türken wählen erstmals in Düsseldorf
Düsseldorf. Zum ersten Mal können türkische Staatsbürger, die in Deutschland leben, hier an den Wahlen teilnehmen. Gewählt wird in Messehallen oder in Stadien wie dem ISS Dome in Düsseldorf. Die Stimmen werden in der Türkei ausgezählt. Von Gregor Mayntz und Verena Patel

Ismail Yilmaz beugt sich über den Sattel seines Fahrrads. Dieses Mal konnte er zum Wahllokal radeln. Von seinem Wohnort im Düsseldorfer Stadtteil Derendorf bis zum ISS Dome im Stadtteil Rath sind es nur einige Kilometer. Früher hätte der 36-Jährige ein Flugzeug besteigen müssen, um sich an türkischen Wahlen zu beteiligen. "Das wurde oft sehr teuer, und ich musste mehrere Wahlen versäumen", sagt Yilmaz, der in Deutschland aufgewachsen ist. "Ich bin sehr glücklich, dass man jetzt auch von Ländern außerhalb der Türkei mit seiner Stimme Einfluss auf das Wahlergebnis nehmen kann."

1,4 Millionen Türken sind seit Donnerstag und noch bis morgen dazu aufgerufen, in Deutschland den neuen türkischen Präsidenten zu wählen. Etwa 480 000 Wahlberechtigte und damit rund ein Drittel von ihnen leben in Nordrhein-Westfalen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan hatten das Novum Anfang des Jahres verabredet - und deshalb machte Erdogan auch Wahlkampf in Deutschland. Schließlich will er selbst auch Präsident werden.

Sieben Wahllokale für 1,4 Millionen Wahlberechtigte, das ist gut 300 Mal mehr, als ein Wahllokal bei der Bundestagswahl zu bewältigen hat. Entsprechend groß sind die Abgabezentren dimensioniert. In Düsseldorf wurde der ISS Dome mit einer Fläche von 1800 Quadratmetern für die Wahlen freigeräumt. 92 Wahlurnen stehen in der Landeshauptstadt bereit. In Essen wurde auf dem Messegelände Platz für 78 Urnen geschaffen. In Berlin weht die türkische Nationalflagge am Olympiastadion.

Um Chaos bei der Stimmabgabe zu vermeiden, haben die Generalkonsulate den Wahlberechtigten feste Zeiten zur Stimmabgabe zugeteilt. Bei manchen ist der Frust groß, wenn sie eine zum Teil weite Anreise hinter sich haben und doch wieder abgewiesen werden, weil sie "ihre" Zeit verpasst haben. Es gab zwar die Möglichkeit, sich via Internet eine Wunschzeit auszusuchen, doch davon hat nur ein Bruchteil der Wähler Gebrauch gemacht. Süheyla Saritürk ist eigens aus Wermelskirchen nach Düsseldorf gereist. Ihr Sohn erhielt jedoch einen Termin am Donnerstag. Ihr Mann stimmte gestern Morgen ab, Saritürk selbst wurde ein Termin am Nachmittag zugewiesen.

Irritationen löste zudem das rigorose Vorgehen der Organisatoren gegen Medienbeobachter aus. Sie durften nur vor Öffnen der Wahllokale für wenige Minuten die Örtlichkeiten inspizieren und wurden dann vor die Tür gesetzt. Das ist nach deutschem Wahlrecht unzulässig, und auch in der Türkei gehört es zur demokratischen Transparenz, dass Journalisten sich jederzeit vom ordnungsgemäßen Ablauf der Wahl überzeugen können. Kurz vor Schließung des Düsseldorfer Wahllokals gestern Abend wurden Bildaufnahmen dann doch erlaubt.

Wie sich die Türken in Deutschland entscheiden, ist angesichts der Spaltung in konservative und liberale Lager und den Ausschreitungen rund um den Taksim-Platz und den nachfolgenden Protesten gegen die Erdogan-Politik auch in zahlreichen anderen Städten kaum vorherzusagen. Eigentlich sind viele in Deutschland lebende Türken Anhänger von Erdogans Wohlfahrtspartei AKP, doch ob sie immer noch mehr als die Hälfte der Wähler stellen, ist ungewiss. Erdogan-Kritiker fühlen sich auch in Deutschland angesichts der jüngsten "Lachverbot-für-Frauen"-Debatte im türkischen Wahlkampf bestätigt. Traditionell gibt es auch eine große kurdische Gemeinschaft, die mit Selhattin Demirtas einen eigenen Präsidentschaftskandidaten stellt. Zudem setzen viele auf den sozialdemokratischen Kandidaten, weil sie gerade von Deutschland aus Probleme mit der Vorstellung haben, dass Erdogan die gesamte Türkei repräsentieren und über noch mehr Einfluss verfügen soll. Auch die Direktwahl des Präsidenten durch das Volk ist eine Premiere.

Am Dienstag werden die versiegelten Urnen in die Türkei geflogen und erst ausgezählt, wenn auch die Wahlen am Sonntag in der Türkei beendet sind. Wählerin Süheyla Saritürk hat an dem Verfahren ihre Zweifel. Sie befürchtet, dass die Wahl manipuliert werden könnte. Entsprechende Vorwürfe gab es bereits bei den türkischen Kommunalwahlen im Frühjahr.

Quelle: RP
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