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Düsseldorf
Studium statt Ausbildung

Düsseldorf. Handels- und Handwerkskammer betrachten den Trend zur Akademisierung mit Sorge. Von Elina Drogune und Jörg Janssen

Der Trend zum Gymnasium ist ungebrochen: Inzwischen wählt in Düsseldorf fast die Hälfte eines Jahrgangs diese Schulform. Bundesweit stieg die Zahl der Studenten allein zwischen 2006 und 2012 um rund 25 Prozent. Dagegen sank die Zahl der Auszubildenden um etwa fünf Prozent. An der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität studierten im Wintersemester 2008/2009 rund 16 500 Männer und Frauen, im Wintersemester 2013/14 waren es bereits mehr als 27 600.

Vor diesem Hintergrund warnen Industrie- und Handelskammer (IHK) sowie Handwerkskammer (HWK) vor einer Über-Akademisierung der jüngeren Generation. "Auch in Düsseldorf ging die Zahl der neu eingetragenen Ausbildungsverträge zwischen 2011 und 2014 zurück. Das sehen wir mit Sorge", sagt Norbert Woehlke, der sich bei der IHK um Berufsbildung und Prüfungen kümmert. Dabei könne eine fundierte Ausbildung in vielen Fällen weiter führen als ein Studium. Hinzu komme eine enorme Abbrecherquote an den Hochschulen. "Es gibt einfach viele Schulabgänger, die in einer klassischen Berufsausbildung besser aufgehoben sind", meint Woehlke.

Was junge Menschen mit Hochschulreife an die Uni treibt, bringt Prisca Gärtner auf den Punkt. Die junge Frau hat sich für ein Germanistik-Studium in Düsseldorf entschieden. "Wenn schon Abi, dann auch ein Studium", sagt sie. Außerdem könne man sich beim Studium selbst finden und verwirklichen.

Ganz anders ergeht es Marius Fiedler. Bewusst hat er sich nach dem Fachabitur für eine Ausbildung als Elektroniker für Automatisierungstechnik bei Henkel entschieden und ist sehr zufrieden. "Die Ausbildung macht mir viel Spaß. Ich kann mich jeden Tag einer Herausforderung stellen. Es ist ein gutes Gefühl, gebraucht zu werden."

Der Trend weg von der klassischen Ausbildung hin zum Studium beschäftigt auch Christian Henke, bei der Handwerkskammer auf Bildungsrecht und Bildungspolitik spezialisiert. "Besonders betroffen sind Berufe, bei denen man sich die Hände schmutzig machen muss, also viele gewerblich-technische Berufe. Sollte die Entwicklung so weiter gehen, wird es in der Wirtschaft zu massiven Fachkräfteproblemen kommen." Und noch ein Problem sieht Henke: Wenn fast alle Absolventen mit Hochschul- und Fachhochschulreife Akademiker werden, gebe es langfristig nicht mehr genug angemessene Arbeitsplätze für Studierende.

Strategien "pro Ausbildung" sind also gefragt. An entsprechenden Konzepten arbeiten die Kammern bereits. "Schüler sollten noch mehr Praktika in Unternehmen und Betrieben machen, da sie sich das richtige Arbeitsleben oft nicht vorstellen können. Gut möglich, sie finden dabei einen Beruf, an dem sie hängen bleiben. Eine solche Überzeugungsarbeit ist wichtig, auch bei den Eltern, die oft mitentscheiden", meint Henke.

Dem stimmt Marius Fiedler zu: "Die Schüler sollten spielerisch an die Berufe herangeführt werden. Eigenständige Praktika in den Ferien sind deshalb nützlich."

Auch Prisca Gärtner fände eine stärkere Verzahnung von Theorie und Praxis generell sinnvoll. "Es sollte mehr duale Studienangebote geben, besonders im geisteswissenschaftlichen Bereich. Und bei den Schulabgängern, die Berufsschulunterricht haben, sollte dieser anspruchsvoller gestaltet werden."

Quelle: RP
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