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Düsseldorf
Suizid überlebt - jetzt hilft er anderen

Düsseldorf: Suizid überlebt - jetzt hilft er anderen
Viktor Staudt kann heute dank der richtigen Medikamente seine Depressionen kontrollieren und lebt in Italien nahe Bologna. FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Viktor Staudt sprang vor einen Zug und überlebte. In seinem Buch "Die Geschichte meines Selbstmords" schildert er, wie er ins Leben zurückfand. Glücksmomente hat er, wenn ihm bewusst wird, dass er andere unterstützen kann. Von Ute Rasch

Es gab eine Zeit, da war das Leben unerträglich. Da war er einfach müde vom zermürbenden Kampf gegen seine Angstattacken. Todmüde. Schließlich gab es einen Tag, den 12. November 1999, an dem sprang er vor den Intercity, der unterwegs nach Amsterdam war. Er überlebte. Als er im Krankenhaus zu sich kam, sagte seine Mutter: "Der Zug ist über deine Beine gefahren, und die sind weg." Dieser Satz mit seiner ganzen Wucht steht in dem Buch, das Viktor Staudt über "Die Geschichte meines Selbstmords" geschrieben hat. Aber darin schildert er auch, wie er das Leben wiederfand.

Die Nachricht war neu: Am Montag dieser Woche hatte Bahn-Chef Rüdiger Grube zum ersten Mal öffentlich bekannt, dass es "elf Selbstmorde auf deutschen Bahnschienen gibt" - jeden Tag. Wie viele dieser Menschen unter Depressionen gelitten haben?

Bei Viktor Staudt war es so, dass sie sein Leben zerstörten. Die Depressionen und die Angstattacken. "Irgendwann hatte ich die Erkenntnis, dass das Leben nicht für mich bestimmt war." Solche Sätze schreibt er.

Gestern Nachmittag: Viktor Staudt sitzt in einem Café am Hauptbahnhof, zuvor war er in seinem Rollstuhl mit Tempo über den Bertha-von-Suttner-Platz geeilt. Ein Mann von 47 Jahren, strahlendes Lächeln, starke Ausstrahlung. Erst vor ein paar Tagen hat er in Rom aus seinem Buch gelesen, nun also Düsseldorf.

Die Veröffentlichung hat ihm ziemliche Popularität beschert, nachdem er im Fernsehen im "Kölner Treff" war, stand sein Buch auf der Spiegel-Bestsellerliste. Als die Reihe "Menschen hautnah" ein 40-Minuten-Porträt über ihn ausgestrahlt hatte mit dem Titel "Zum Glück gescheitert", erreichten ihn hunderte von Mails. Vor allem von Menschen mit schweren Depressionen, die keinen Ausweg sehen. Aber auch von Angehörigen. Das tägliche Beantworten dieser Zuschriften, die Lesungen - "das ist meine Vollzeit-Beschäftigung."

In seinem Buch schildert Viktor Staudt seinen langen Weg, die Zeit im Krankenhaus, in der Reha, die er "das Zeitalter der neuen Sinnlosigkeit" nennt. Und dass er auch Monate später immer noch dachte: "Ich will immer noch tot sein." Aber irgendwann begann die Phase, in der "der Hang zum Leben in mir ein klein wenig gewachsen ist." Erst Jahre später die endgültige Wende: Er bekommt von einer Ärztin endlich die richtigen Medikamente, die er bis heute nimmt, "seitdem kann ich meine Depressionen kontrollieren."

Die starken Mittel gegen den Phantomschmerz ("das fühlt sich an, als würde ich Schuhe tragen, die drei Nummern zu klein sind") hat er längst abgesetzt. Er könne seine Schmerzen mittlerweile ignorieren, sagt er. Gleichzeitig beginnt er ein neues Leben, zieht in sein Sehnsuchtsland Italien in die Nähe von Bologna, verdient Geld, indem er Deutsch- und Englisch-Unterricht gibt. Er lebt auf, von fröhlichen, warmherzigen Nachbarn umgeben, nur ein paar Schritte von einem Schwimmbad entfernt - "denn Schwimmen ist mein tägliches Fitness-Programm."

Gleich zu Beginn schreibt er, dass dies kein "Hurra-wir-leben-noch-Buch" geworden sei. Wie empfindet er seinen Alltag heute? "Mein Leben ist ein einsames Abenteuer." Aber offenbar hat er gleich das Gefühl, dass dieser Satz doch zu negativ klingen könnte, "schließlich gibt es auch Glücksmomente." Zum Beispiel dann, wenn ihm bewusst wird, anderen mit seinen Erfahrungen helfen zu können. Seine Botschaft? "Depressionen können einen Menschen vernichten. Ich kann nur jedem sagen: Rede über deine Probleme."

Gerade denkt Viktor Staudt darüber nach, ein zweites Buch zu schreiben. Über das Leben danach. Über seine Gedanken, Empfindungen: "Wie wird das sein, unter diesen Umständen alt zu werden?" Auch falle es ihm nach wie vor nicht leicht zu akzeptieren, dass früher selbstverständliche Dinge für ihn unerreichbar sind. "Nur in meinen Träumen gehe ich manchmal durch die Straßen."

Quelle: RP
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