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Urteil im Lau-Prozess am Mittwoch
Vom charismatischen Prediger zum weinenden Angeklagten

Video: Sven Lau muss für fünfeinhalb Jahre in Haft
Am Mittwoch fällt das Urteil im Prozess gegen den Gladbacher Salafistenprediger Sven Lau. Nach über zehn Monaten Verhandlung sitzt ein deutlich angeschlagener Sven Lau auf der Anklagebank und nicht mehr der selbstbewusste Provokateur, der die Öffentlichkeit mit der Scharia-Polizei zum Narren hielt. Von Franziska Hein und Gabi Peters, Düsseldorf

Krokodilstränen waren es nicht, die Sven Lau (36) am vergangenen Mittwoch im Gerichtssaal vergoss. Es waren Tränen des Selbstmitleids und der Verzweiflung. Denn dem Gladbacher Salafistenprediger droht am Mittwoch eine mehrjährige Haftstrafe. Dann geht der seit September 2016 laufende Prozess zu Ende – "endlich" mag manch einer seufzen. Die Beweisaufnahme lief zäh, viele Zeugen sagten entweder gar nichts oder machten nur vage Angaben. 

Fotos: Sven Lau beim Prozessauftakt in Düsseldorf FOTO: dpa, fg pil

Dem Salafistenprediger wird die Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung in vier Fällen vorgeworfen. Am schwersten wiegen die Vorwürfe, dass er zwei seiner damaligen Weggefährten, Ismail I. (26) und Zoubir L. (37), in eine Kampfgruppe der Terrororganisation "Jamwa" ("Armee der Auswanderer und Unterstützer") vermittelt haben soll. Außerdem soll er 250 Euro und Nachtsichtgeräte für die Organisation besorgt haben. Die Bundesanwaltschaft sieht die Vorwürfe im Verfahren "auf eindrückliche Weise" bestätigt und forderte sechseinhalb Jahre Haft für Lau.

Schon länger wirkt Lau angeschlagen

Laus Verteidiger, Mutlu Günal, forderte hingegen einen Freispruch. Dass Lau verurteilt wird, davon ist jedoch auch sein Anwalt überzeugt. Der Rechtsstaat habe sich nicht eines Besseren belehren lassen wollen, sagte Günal vergangene Woche. Die Zeichen stehen daher auf Revision.

Den Angeklagten hat dieser Prozess mehr angegriffen, als es zunächst schien. Schon länger ist zu beobachten, dass Lau in keiner guten Verfassung ist. Begrüßte er zu Beginn seine Anhänger im Gerichtssaal immer mit gerecktem Daumen und Grinsen im Gesicht, brachte er zuletzt nur noch ein müdes Lächeln und ein Kopfnicken zustande. Sein Gesicht sah hinter der Plexiglasscheibe grau und aufgedunsen aus. 

Trennung von seiner Familie

Was ihm offenbar zu schaffen macht, wurde vergangene Woche deutlich, als er in seinem letzten Wort in Tränen ausbrach. Die Isolation im Gefängnis, die Trennung von seiner Familie seien für ihn kaum auszuhalten, sagte der fünffache Familienvater. Selbst sein Anwalt zeigte sich später überrascht über den Gefühlsausbruch. Günal fährt eher die konfrontative Schiene. Lau, der weinende Zweifler, diese Person dürfte auch seinen Anhängern gänzlich unbekannt sein. Schließlich finden sich im Internet immer noch Predigten des Gladbachers, in denen er Zweifel als Anflüge des Teufels abtut, denen er auch im Gefängnis zu trotzen wüsste.

Die Anklage im Prozess gegen Sven Lau

Das erzählt er etwa ein einem Youtube-Video kurz nach seiner Freilassung aus der ersten Untersuchungshaft im Mai 2014. Die Gefängnis-Erfahrung habe ihn stärker gemacht. Denn die Salafisten wären immer schon von der Gesellschaft unterdrückt worden. Damals ahnte er nicht, dass er im Dezember 2015 wieder festgenommen werden würde. Seit mittlerweile 19 Monaten sitzt er in der JVA Aachen. Wie wurde aus dem stolzen Internet-Star ein anscheinend verzweifelter Familienvater, dem die Einsamkeit hinter Gittern offensichtlich zusetzt? 

Die Laufbahn des gebürtigen Mönchengladbachers begann völlig unauffällig. Aufgewachsen in einer katholischen Familie, machte Sven Lau nach der Schule eine Ausbildung zum Industriemechaniker. Dort lernte er einen türkischstämmigen Kollegen kennen, dessen Verhalten und Glauben ihn nachhaltig beeindruckten. 1999 konvertierte Lau zum Islam, arbeitete bis 2008 als Berufsfeuerwehrmann. Dass der "Gladbacher Jong" – wie er sich selbst einmal bezeichnet hat – einmal als Terror-Unterstützer vor Gericht landen könnte, glaubte damals niemand.

Spezialkräfte nehmen Sven Lau in Mönchengladbach fest FOTO: Rene Anhuth/ ANC-NEWS

Der Ex-Salafist und ehemalige Freund von Sven Lau, Dominik Schmitz, schilderte vor Gericht, wie sich Lau spätestens ab 2009 radikalisierte. Im August 2010 wurden Pläne bekannt, dass eine salafistische Islamschule von Braunschweig nach Mönchengladbach umziehen und mit Laus Moscheeverein fusionieren sollte. Der niedersächsische Verfassungsschutz warnte damals, dass dort ein geistiger Nährboden für Terroristen gelegt werden könnte.

"Vor uns braucht keiner Angst zu haben"

Porträt: Das ist Sven Lau FOTO: Raupold

Sven Lau hat den Vorwurf, mit Terroristen unter einer Decke zu stecken, immer zurückgewiesen. "Vor uns braucht keiner Angst zu haben. Wir sind gegen Gewalt, wenn es nicht um Selbstverteidigung geht", sagte er einmal unserer Redaktion. In einem Internetvideo bezeichnet Lau, Glaubensbrüder, die nach Syrien gehen, um zu kämpfen, später als "Freiheitskämpfer". Der Kampf gegen Assad sei legitim. Die Aufnahme entstand am Rande einer Kundgebung in Mönchengladbach.

In einem Interview antwortete er einmal auf die Frage, ob er es verstehen könne, wenn Glaubensbrüder in den Heiligen Krieg ziehen: "Ich bin kein Kämpfer, ich schicke lieber Geld und Medikamente." Der Verfassungsschutz hält Lau hingegen für einen Dschihad-Salafisten. Die Scharia-Polizei, die 2014 durch Wuppertal patrouillierte, machte ihn dann endgültig deutschlandweit bekannt. Ein Prozess scheiterte. 

Lau balancierte mit seinen Aussagen und Aktionen auf Messers Schneide. Für den Staatsanwalt steht fest, dass der 36-Jährige die Grenzen der Legalität überschritten hat. Lau hingegen versucht sich als Opfer repressiver Strafverfolgungsbehörden darzustellen, die er provoziert hat – und jetzt solle er dafür stellvertretend bestraft werden. Auch sein Verteidiger bemühte in seinem Plädoyer noch einmal den Vergleich "Staatsfeind Nr. 1". Es scheint, der Rechtsstaat hat nun mit seinen Mitteln die Fassade des einstigen Provokateurs zum Einsturz gebracht. Doch ob Lau wirklich für die "geistige Brandstiftung" hinter Gitter muss, wird nun das Gericht entscheiden. 

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